Wissenskultur, Neoliberalismus und Wikipedia-Halbwissensgesellschaft

Gerd R. Rueger 15.November 2008

Wir leben in einer Informations- und Wissensgesellschaft -wie man sagt.  Aber gesucht ist heute meist nur leicht konsumierbares Wissen, also eher Halbwissen, das den größten Teil seiner Intelligenz auf die Präsentation verwendet. Die Menschen möchten den Experten glauben. Leider übersehen sie dabei die Übersetzungsprobleme zwischen Denkkollektiven und so ist das Internet wohl in erster Linie der Ort des Austausches von nur halb- oder falschverstandenen Informationen, weniger von Erkenntnissen und Wissen.

Diese würden ein mühsames, zeitaufwändiges Einarbeiten in die Sprachspiele und Denkstile erfordern, an dem es heute in der schönen neuen Welt des oberflächlichen Wikipedia-Wissens mangelt. Dieser Einwand soll nicht als generelle pessimistische Kulturkritik missverstanden werden. Man muss Halbwissen nicht als schlimmer denn Nicht-Wissen verdammen: Ein Mut zur Lücke, der sich dessen bewusst bleibt, ist heute angesichts der Wissenlawine ohnehin unumgänglich. Nur wer seine Erkenntnis absolut setzt, begeht einen gravierenden Fehler.

Doch aufgepasst – dies gilt, wie uns die Wissenschaftskritik erklärte, nicht nur für den Wissen zusammen googelnden Websurfer. Es gilt genauso für die bestinformierten Fachwissenschaftler. Auch ihr Wissen ist nur vorläufiger Stand der Erkenntnis, zudem aus Sicht anderer Disziplinen, anderer Schulen mit anderen Denkstilen oft ganz anders zu interpretieren. Dazu kommt immer mehr der Faktor Geldmacht, umso mehr, umso weiter die Kommerzialisierung der Wissenschaften voran schreitet. Immer mehr Wissenschaftler nehmen Geld von Intressengruppen, die sich Expertise einkaufen, Ergebnisse, Patente –im Endeffekt eine Weltsicht erschaffen lassen, in der sie natürlich im besten Licht dastehen.

Auch dies gilt es, in eine Bewertung von Erkenntnis einzubeziehen, aber gerade Naturwissenschaftler haben hier meist einen blinden Fleck. Bei Sozialwissenschaftlern gibt es diesen auch und schlimmer noch, einen ungesunden Zynismus, der eine gezielte Produktion von „wissenschaftlicher“ Desinformation als lukrative Tätigkeit pflegt. Hier hilft das Netz durch Transparenz: Google findet nicht die Wahrheit über ein Wissensgebiet, kann aber die Hintergründe des Wissen produzierenden Denkkollektivs aufdecken. Leichter als in eine Theorie- oder Methodenwelt einzudringen ist es, Firmenverbindungen und Finanziers zu ermitteln. Und dies sagt manchmal mehr über eine vermeintlich sichere Erkenntnis aus, als die Fachartikel der Forscher.

So ergibt sich eine unübersichtliche Lage der Erkenntnissuche, der nur mit dem Abschied eines Glaubens an Objektivität der Tatsachen begegnet werden kann. Man mag dies ‚Popular Science‘ nennen oder postmoderne Wissenschaft –in unserer heutigen Interface Cultur der Virtualität erlaubt das Cognitiv Mapping zweifellos neue Formen von Grenzüberschreitung (vgl. Krysmanski 2001: 96-98). Ein denkkollektiver Kontext unserer Suche nach den Bedingungen von netzbasierter Telekommunikation muss also zumindest grob umrissen werden. Hier besteht dieser Kontext aus einer sinnstiftenden Gesellschaftstheorie als äußerer Klammer unseres Unterfangens: Einer Soziologie, die mit den Namen Karl Mannheim und Charles Wright Mills nur angedeutet werden soll. Mannheim entstammte einer soziologischen Generation, für deren Selbstverständnis und Stil es kennzeichnend war, dass sie zwar auf die Autorität exakter Methoden und gesicherter Evidenzen setzte, aber in einem gewissen Kontrast dazu durchaus Anspielungen und Vieldeutigkeiten schätzte (vgl. Kettler/Meja/Stehr 1989, S.11).

Wo Mannheim sich noch am Liberalismus abarbeitete (Mannheim 1983), stehen wir aber heute vor dessen zur Monstrosität pervertierten Abart, dem sogenannten „Neoliberalismus“. Dessen Protagonisten wollten sich in ideologischer Umnachtung lange überhaupt nicht als solche identifizieren, glaubten sich tatsächlich als die einzig vernünftig Handelnden einer sogenannten ‚Globalisierung‘ –oder gaben dies zumindest vor. Diese Globalisierung beruhte zum einen auf enorm subventionierten Ferntransportkosten und entsprechend ausgeweitetem Handel vor allem jedoch in den neuesten Telekommunikations- (Tk-) und Computertechnologien, die sich zu globalen Netztechnologien verdichteten und nicht nur den Finanzsektor dabei revolutionierten.

Totalitäre Think-Tank-Typhus

Heute ist der Neoliberalismus begrifflich und politisch besser aufgearbeitet, aber seine junge Geschichte bedarf noch vieler kritischer Analysen. Hinter seinen Protagonisten verbergen sich, wie immer deutlicher wird, die alten Mächte plutokratischer Strukturen, die in Think Tanks bezahltes Expertenwissen propagierenden globalen Geldeliten der Reichen und Superreichen (Mills 1959, Lundberg 1971). Wie solches Think Tank-Wissen sich in politische Macht umsetzt, ist eine Frage, die auch am Bereich der neoliberalen Deregulierung des Tk-Sektors ansetzen muss. Hier hilft die Soziologie als geistiger Radarschirm, als umfassende Gesellschaftswissenschaft, die den kritischen und selbstreflexiven Impuls der Moderne mehr bewahrt hat als andere Disziplinen (Krysmanski 1993). Die politikwissenschaftlich führende Dimension der Macht lässt sich mit ihrer Hilfe auch in der Vergangenheit und sogar in der fremden Kultur aufspüren, bemüht man nur genug der ‚sociological imagination‘ (Mills 1959). Die Neigung der Soziologie, gerade gesellschaftliche Konflikte ins Visier zu nehmen (Mannheim 1932; Krysmanski 1971), führt heute direkt zu soziologischen Hintergründen des dominierenden Neoliberalismus, zu den superreichen Geldmächtigen, ihren Verwaltern der Welt, den Konzerneliten, und last but not least, ihren politischen Eliten, denen obliegt, einen zunehmend fadenscheiniger werdenden Mantel angeblicher Verteilungsgerechtigkeit zu produzieren.

Die Wissenschaft steht in einem Ringmodell der Macht (vgl. Krysmanski 2004: 56-78)  als technokratische Elite bereit, ihr –zuweilen nur vermeintliches– Expertenwissen anzudienen.

Im Kern dieses Funktionszusammenhangs, so Krysmanski, findet sich die Gruppe des privaten Reichtums bzw. der Superreichen; sie repräsentiert die Geldmacht. Diese neue Form des Gottesgnadentums steht, was seine gesellschaftliche Funktionsweise angeht, oberhalb der üblichen Kapitalverwertungsprozesse, kann nicht bestimmten „Kapitalfraktionen“ zugeordnet werden und ist vornehmlich mit transkapitalistischen Formen der „Kapitalvernichtung“ zwecks Verhinderung von Machtkonkurrenz beschäftigt. Mit dem Verschwinden der Souveränitätsformen der Moderne verfügt nur diese Gruppe, als einzige, noch über Souveränität.

Die nächste Gruppe , so Krysmanski weiter, repräsentiert die Verwertungsmacht  (ist aber nicht mit der heutigen Einengung auf die Verwerter der Medienindustrie gleichzusetzen).  Sie besteht aus den Chief Executive Officers aus Industrie, Finanz und Militär, die gewissermaßen einen Schutzring um den Kern der Superreichen formen und mit ihnen gemeinsam den Komplex der Corporate Community/Upper Class (Domhoff) ausmachen. Diese „Verwertungselite“ ist vorrangig mit der Mehrung und Verwaltung des Vermögens der Superreichen beschäftigt und weiß ihrerseits viele Multimillionäre unter sich; sie kann als Kapitalistenklasse im traditionellen Sinne begriffen werden. Innerhalb der Verwertungselite gibt es selbstverständlich Kapitalfraktionen und folglich ökonomisch begründete Interessengegensätze, insbesondere zwischen den großen transnationalen Konzernen, die nationale Grenzen übergreifen und als Bindeglieder im globalen System fungieren.

Die dritte Gruppe sieht Krysmanski bereits als erheblich differenzierter an, sie repräsentiert die Verteilungsmacht. Hier handelt es sich. allgemein gesprochen, um die politische Klasse, eine echte Dienstklasse, zuständig für gesellschaftlichen Konsens und für die Aufrechterhaltung eines Anscheins von Verteilungsgerechtigkeit. Im Kern der politischen Klasse agieren Oligarchien oder „politische Direktorate“ (Mills). Wahlkämpfe drehen sich im allgemeinen nur um die Besetzung dieser Positionen. Im übrigen hat Verteilungspolitik unter Globalisierungsbedingungen eine Stufe erreicht, in welcher universelle Werte wie Gerechtigkeit überhaupt keine Rolle mehr spielen (können) und ‘Regierungskunst‘ darin besteht, Konflikte nicht zu integrieren, indem sie sie einem kohärenten sozialen Dispositiv unterwirft, sondern indem sie die Differenzen kontrolliert, so Krysmanski unter Bezugnahme auf  Hardt/Negri (2002).

Die komplexeste Gruppe mit den Verbindungen zur Welt der Arbeitsverhältnisse sieht Krysmanski in der  Schicht der Technokraten und Dienstleister, hier wäre Wissens- und Kommunikationsmacht zu verorten. Hier vermischen sich genaue Kenntnisse über die Funktionsweisen des kapitalistischen Systems und seiner Subsysteme mit kritischen und zum Teil subversiven Tendenzen, so dass Widersprüche zur Handlungsreife gelangen können. Insgesamt veranschaulicht und beschreibt Krysmanskis Schema die heute weltweit stattfindenden Versuche einer Reorganisation von herrschenden Klassen. Sie müssen sich ihr Überleben heute ohne einen starken Staat sichern -unter den Bedingungen einer Umstellung der Regulierung von ökonomisch-kollektiven Formen zu individuellen Formen. Dabei zu bedenken, dass das Personal dieser Elitenkonfiguration zunehmend in einem Milieu der absoluten Korruption operiert -wohl inklusive der Wissenschaftler.

Wissenproduktion nur noch in Geldabhängigkeit? Die Wissenschaft hat meist jedoch auch die Wahl, aus kritischer Sicht das ganze Regime zu reflektieren -wie Krysmanskis Arbeit  durch ihre Existenz belegt. Aber wer hier statt ‚Regime‘ an den Begriff ‚System‘ denkt, hat schon verloren, denn er hat schon im Sinne der affirmativen Schule Luhmanns die expertokratische Perspektive übernommen. Es gilt vielmehr die machtbezogenen  Hintergründe der Wissensarbeit aufzudecken und das führt uns direkt in eine Analyse der inneren Zirkel der Macht.

Literaturbasis:

Krysmanski, Hans Jürgen: Entwicklung und Stand der klassentheoretischen Diskussion, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 1989, Nr.41, 149-167

Krysmanski, Hans Jürgen: Popular Science. Medien, Wissenschaft und Macht in der Postmoderne; Münster 2001

Krysmanski, Hans Jürgen: Hirten und Wölfe. Wie Geld- und Machteliten sich die Welt aneignen oder Einladung zum Power Structure Research; Münster 2004

Lundberg, Ferdinand: Die Reichen und die Superreichen; Frankfurt 1971

Mannheim, Karl: Die Gegenwartsaufgaben der Soziologie; Tübingen 1932

Mannheim, Karl: Strukturen des Denkens; Frankfurt 1980

Mannheim, Karl: Mensch und Gesellschaft im Zeitalter des Umbaus; Frankfurt 1983

Marin, Bernd u. Renate Mayntz (Hg.): Policy Networks: empirical evidence and theoretical considerations; Frankfurt/M. 1991

Mills, C.Wright: White Collar: The American Middle Classes; New York 1951

Mills, C.Wright: Introduction; in: Thorstein Veblen: The Theory of the Leisure Class: An Economic Study of Institutions; Ontario 1953

Mills, C.Wright: The Power Elite; New York 1956

Mills, C.Wright: The Sociological Imagination; New York 1959

Veblen, Thorstein: The Theory of the Leisure Class: An Economic Study of Institutions; Ontario 1953

2 Gedanken zu “Wissenskultur, Neoliberalismus und Wikipedia-Halbwissensgesellschaft

  1. Wikipedia ist schon ein dümmlicher Haufen.
    Die Löschtrolle (sog. „Wikipedianer“) üben ja eine schlimmere Zensur aus als das Reichspropaganda-Ministerium anno 33…
    löschen alles sofort, was sie nicht kapieren oder im Schülerduden nachschlagen können (soll nur in Deutsch-Wipikedia so sein)

  2. Und an der Spitze steht eine US-Professorin in Berlin, die mit Bertelsmann kooperiert. Da weiß man, was „politisch ausgewogen“ auf Wikipedianisch heißt: Stramme Nato-Ideologie, wir-sind-die-Guten usw.

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