WikiLeaks: Angeblicher Aidstest von Steve Jobs

Gerd R. Rueger  15.August 2009 (überarbeitet 2011/2012)

Am 15.01.2009 tauchte ein angebliches Dokument über einen Aidstest von Apple-Gründerfigur Steve Jobs bei Wikileaks auf, der auf ein positives Ergebnis deutet. Steve Jobs ist inzwischen verstorben, an Krebs, wie es hieß. Doch die Echtheit des HIV-Testergebnis war damals höchst umstritten, ebenso die fahrlässige Publikation: Von pietätloser Verletzung der Intimsphäre bis hin zu möglicherweise intendierten Börsenmanipulationen des Kurswertes von Apple.

Der Leak betraf nicht irgendwen, nicht mal irgendeinen prominenten Firmenboss oder Digerati. Der seit Jahren –unbestritten kränkelnde– Applegründer Steve Jobs genoss höchstes Ansehen bei vielen Computerfans, weit über den aktuellen iPod- und iPad-Kult hinaus. Sein Tod löste eine Welle von Sympathie- und Trauerbekundungen bei Kunden und Fans von Apple aus, einer Marke, die neben Technik auch „Identität“ verkauft –was vor allem auch Jobs Verdienst ist. Unter seiner Ägide entstandene Apple-Produkte gelten als technisch und stylisch wegweisend.

Jobs hatte zudem Charakter und arbeitet z.B. für ein symbolisches Jahresgehalt von einem Dollar für seine Firma, wie es heißt. Das Durchschnittseinkommen der nicht gerade für Fairness und Bescheidenheit bekannten US-Topmanager betrug 2010 neun Millionen Dollar jährlich und die meisten sind nicht annähernd so kompetent wie der Apple-Gründer. Manche sehen ihn als Vertreter einer neuen Ethik im Business, andere spotteten. Später kam Apple u.a. wegen seiner Produktionspraktiken in China in Verruf, was den Ruhm trotz neuer Firmenethik abblättern ließ. Der Niedergang von Apple nachdem Jobs die Firma verließ, ihr neuer Aufstieg mit iPod und iPhone nach seiner Rückkehr sind legendär. In den 80ern war Apple der kleine David der den Goliaths von erst IBM und dann Microsoft die Stirn bot.

Ausgerechnet hier betrat WikiLeaks das Gebiet privater medizinischer Daten mit einem Dokument, welches heikler kaum sein könnte: Einem positiven Aidstest der Apple-Ikone Steve Jobs. Aufnahmen der Firma SxCheck zeigen angeblich Ergebnisse von drei Testreihen eines Steven Paul Jobs, zweimal „negativ“, aber einmal „positiv“, Testdatum 01.09.2004. Dazu kommt ein angebliches Faksimile der Überweisung an das „California Pacific Medical Center“ durch Dr.W.F. Owen jr. an Assad A. Hassoun wegen einer Nierenkrebsbehandlung. WikiLeaks spekulierte über die verzeichnete Sozialversicherungsnummer, die aus Kalifornien stammen könnte und über Nierenkrebs als HIV-Folgeerkrankung.

Aber das alles hätte z.B. ein Fälscher, der Apples Aktienkurs manipulieren will, auch recherchieren können. Wenigstens weist WikiLeaks auf die zweifelhafte Echtheit hin. Doch ob das genügt, angesichts der intimen Natur des Dokuments? Ein derart drastischer Eingriff in die Privatsphäre kann nur schwerlich damit gerechtfertigt werden, Jobs sei eine öffentliche Person. Aber was ist andererseits mit dem kulturellen Hintergrund der betroffenen Person? Die US-Kultur der Digerati tritt zuweilen übertrieben radikal für die Publikation privater Daten ein, Zuckermanns Firma Facebook ist nur ein Auswuchs dieses Denkens. Aber hier geht es um ihre Ikone Steve Jobs. Um den auch aus Digeratikreisen aufflackernden Protest gegen WikiLeaks in dieser Frage zu verstehen, muss man sich Apple genauer ansehen.

Teil der Apple-Unternehmenskultur war auch die vielen Hackern eigene Arroganz, der visionäre Glauben an das eigene Genie und die Unbesiegbarkeit seiner Erfindungen, nebst der Paranoia, diese Erfindungen könnten geklaut werden. Genie und Paranoia -diese beiden Züge führten zu Fehlentscheidungen in der Unternehmensstrategie. Apple tat sich schwer, anderen Firmen Lizenzen zu erteilen und verlor so letztlich trotz technologischen Vorsprungs. Apple setzte etwa als erster auf die Maus-Steuerung, verlor aber dennoch später den PC-Massenmarkt an Microsoft.

Später produzierte Bill Gates mit seinem Windows-System ein, wie viele meinen, ziemlich dreistes Plagiat der Apple-Oberfläche und wurde damit zum reichsten Mann der Welt. Ein jahrelanger Urheberrechtsstreit endete mit dem Sieg für  Gates. Eine zeitgenössische Karikatur zeigte zwei Hacker, die Windows starten:

„Mein Gott, Icons wie bei Apple! Menü wie bei Apple! Speicher und Ablage wie bei Apple! Die komplette Apple-Benutzeroberfläche –wie wollen die damit jemals durchkommen?“

„Sieh auf die Rückseite der Schachtel.“

„Da steht: Dieses Produkt wird hergestellt unter Mitwirkung von 3000 Rechtsanwälten.“

Apple hatte vergeblich auf einen Streitwert von 4,5 Milliarden Dollar geklagt… Man kann in der Firma Apple einen Brennpunkt jener Weltanschauung zu sehen, die später als „kalifornische Ideologie“ diskutierte wurde. Quasi als „linker Flügel“ des neoliberalen Mainstreams entstand in den USA eine Sub- und Gegenkultur zwischen Woodstock, Internet und Börsengang, deren sozialpolitische Defizite von einem unbändigen geistigen Freiheitsdrang konterkariert werden, die Digerati. Punktueller Digerati-Widerstand schlägt gerade auf dem Gebiet der Medien- und Informationsfreiheit aus ihren Netzwerken heraus einem dominierenden Neoliberalismus entgegen, der als technisch hochfrisierter Manchester-Kapitalismus mit sozialdarwinistischen Fangzähnen auf Beutezug geht. Vor allem, wenn die Neoliberalen auf Überwachung, Abschaffung von Freiheitsrechten und Techno-Totalitarismus setzen, protestiert z.B. die 1990 gegründete EFF, „Electronic Frontier Foundation„: Freie Netze für freie Bürger.

Es geht bei Apple auch um die Geschichte von Ideen und kulturellen Bewegungen, weniger um pure Technik oder Ökonomie. Apples geradezu weltanschaulicher Kampf gegen die großen Konkurrenten, erst IBM (Big Blue) dann Microsoft, mit Bill Gates als seinerzeit amtierender Hassfigur der „Applegemeinde“, die noch aus vielen Hackern und Möchtegern-Hackern bestand –und wenig mit den iPod- und iPhone-Konsumenten von heute gemein hatte.  Es ging um einen Kampf, der als kleines Widerstandsnest mit der Devise „Computer für das Volk“ begann, dessen Konzept der grafischen Benutzeroberfläche die Macht der technologischen Priesterkaste brechen sollte.

Wie die spätere Hacker-Ethik wollte Apple das Wissen der Menschheit auf ein neues Niveau der Zugänglichkeit bringen, sah sich am Ende aber als Akteur auf gleicher Ebene in strategischen Allianzen und Konsortien. Dort wurde der Kampf geführt –und verloren: Microsoft hätte Apple komplett geschluckt, wenn nicht einige Reste von Anti-Kartellgesetzgebung in den USA das verhindert hätten.

In Sachen Stil, Image und Design waren die Digerati von Apple ihrem eher kaufmännischen Management zumeist voraus. Doch bald schmolz Apples technischer Vorsprung dahin und mit ihm die Gewinne, Missmanagement tat ein Übriges. Steve Jobs hatte Apple 1985 verlassen. Die immer konservativer agierende Firma, die nun der Pepsi-Cola-Manager John Sculley führte, stand ohne ihr größtes Genie da.

Der Applegründer Jobs versuchte, in seiner eigenen neugegründeten Firma NeXT weiter avantgardistische Computer zu entwickeln –auch diese wurden Kult unter Hackern, blieben aber eine Orchideentechnik. Apple tanzte nun glücklos im Reigen von Joint Ventures und strategischen Allianzen mit IBM, Chiphersteller Motorola und Microsoft, Apples Börsenkurs fiel 1993 auf die Hälfte. 1997 kaufte Apple in einer verzweifelten Krise NeXT und Steve Jobs kehrte als strahlender Held zurück. Er hatte ein Betriebssystem nebst Ideen für ein neues Produktkonzept im Gepäck. Ab 1998 ging es mit Apple und dem G3-Prozessor, dem iMac und dem iBook-Laptop wieder aufwärts, der Durchbruch kam mit dem Musiktoy iPod und ließ Apples Börenwert zeitweilig sogar an Microsoft vorbeiziehen. Jobs konnte auf Vorarbeiten aufbauen, aber als Symbolfigur ist seine überragende Wirkung unbestritten. Die Firma mit dem Apfel widmet sich seither wieder ihrer eigentlichen Aufgabe, der permanenten digitalen Revolution -aber auf einem eher kommerziellen als revolutionären Gebiet.

Vor diesem Hintergrund grenzte der Leak des HIV-Tests von Steve Jobs an Blasphemie gegenüber einer Ikone der Computer-Revolution, insbesondere was die US-Hackerkultur der Digerati angeht. Vielleicht hat den Australier Assange gerade dies daran gereizt: Der kleinste Kontinent hat als ehemalige Gefängniskolonie des Empire die Unabhängigkeit von der britischen Krone erst viel später hingekriegt und hegt womöglich Minderwertigkeitskomplexe gegenüber den reichen Angelsachsenbrüdern jenseits des Pazifik –Mad Max gegen Rambo?

Hierzulande blieb der HIV-Apple-Skandal weniger beachtet, Jobs ist nicht so bekannt und beliebt wie in den USA. Der Chaos Computer Club entfaltete seine europäische Variante der Computer- und Netzkultur ohne besonderen Bezug zu Apple. Die deutsche Applefiliale gab sich allzu bieder und blieb deshalb in den 80ern weitgehend auf kleine Nutzergemeinden im graphischen Gewerbe beschränkt –heute, als Musiktoy-Firma, feiert Apple größere Erfolge beim Massenpublikum.

Die deutschen Digerati sind eine Minderheit, finden sich am ehesten vielleicht noch im Softwareriesen SAP. Ihnen stehen hierzulande Daten-Piraten und Hacker mit mehr Tiefgang in Sachen Datenschutz und Blick auch auf andere politische Fragen gegenüber. Die HIV-Test-Schlappe von WikiLeaks wurde in Deutschland kaum wahrgenommen, aber die Website gewann auch gerade erst ein paar Augenblicke im globalen Medienrauschen für sich.

Freunden und Fans von Steve Jobs bleibt sein Andenken in der inzwischen erfolgreichsten Firma der Welt, den Apple-Produkten -hoffentlich mit einer hohen Firmenethik, an die wohl die Applianer die Firmenleitung gelegentlich erinnern müssen- und einem Auftritt von Steve Jobs im Wachsfigurenkabinett von Mme.Tussod.

4 Gedanken zu “WikiLeaks: Angeblicher Aidstest von Steve Jobs

    • Ja, genau! Als Mac-Fan muss ich auf das Andenken des Großen Steve pochen! Wie man heute weiß, hat er Apple bis zum letzten Atemzug vor Eingriffen der NSA geschützt, während Google, Facebook und natürlich zuerst und besonders kriecherisch Bill Gates die Daten ihrer Nutzer dem BigBrother UncleSam zu Füßen legten. (Mr.Jobs hätte deren geheime Daten-Abpressung allerdings auch schon öffentlich machen können, er hatte ja nicht mehr viel zu verlieren. Vermutlich stand da ein verquerer Yankee-Nerd-Patriotismus im Wege…)

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