Whistleblower in den Medien der Postdemokratie

WikiLeaks – hofiert, verhasst, verhetzt

Gerd R. Rueger 23.6.2010

Leben wir schon in einer „Postdemokratie„, die nur formal demokratisch funktioniert und hinter den Kulissen von Medientechnokraten gesteuert wird? Oder gibt es für Individuen noch eine Chance auf politische Beteiligung an öffentlicher Kommunikation -die nicht im Konsumieren von Waren und Dienstleistungen inklusive der Dienstleistung, Freunde zur Verfügung zu stellen („soziale Netzwerke“)?

In den Mainstream-Medien machte 2010 eine Website mit heißen Enthüllungen von sich reden und gab uns wieder Hoffnung auf Öffentlichkeit jenseit CNN & Co.: Die Whistleblower-Plattform WikiLeaks. Ihr Erfolg, der sich schon länger angekündigt hatte, wurde erst ab 2010 wirklich durchschlagend: Die Weltmacht USA wurde bloßgestellt, Hunderttausende Geheimdokumente ins Internet gestellt.

Zahlreiche Fälle von Menschenrechtsverletzungen und Korruption durch Regierungen und Unternehmen von Deutschland über Kenia bis Thailand wurden von WikiLeaks schon angeprangert. Zunächst schwiegen die Medien, dann verschwiegen sie ihre Quelle, behaupteten dunkel, Dokumente seien „im Internet aufgetaucht“, aber zuletzt mussten sie Farbe bekennen: Alle erfuhren von der Whistleblower-Plattform WikiLeaks. Auch bei uns, obwohl es in besonders stark von Untertanengeist und Obrigkeitshörigkeit durchdrungenen Ländern wie Deutschland nicht einmal ein Wort für den Begriff „Whistleblower“ gab, abgesehen von diffamierenden Ausdrücken.

Kein deutscher Begriff für „Whistleblower“

Solche Verunglimpfungen wie Petze, Nestbeschmutzer, Verräter, Denunziant, die von den Medien in der berichterstattung zu WikiLeaks auch ausgiebig genutzt wurden, spiegeln die hasserfüllte Sicht der Machthaber. Speziell natürlich die Sicht von Machthabern, die von einem Enthüller –die einzig treffende Übersetzung des Wortes Whistleblower ins Deutsche– bei ihren Schandtaten erwischt wurden. Diese Sichtweise, die Identifikation mit den Herrschenden des herrschenden Regimes prägt Wahrnehmung und Denken des Gros der deutschen Journalisten -das ist Postdemokratie.

Zunächst wollten die Mainstream-Medien WikiLeaks geheimhalten. Doch 2010 war die Gruppe um Julian Assange  so ein Medienereignis geworden, dass Ignorieren nicht half und die platte Diffamierung nicht mehr wirkte. War eine neue Art von Internet-Aktivismus geboren? Mussten die Mächtigen jetzt wieder vor den Medien zittern? Das Ansehen der Medien hatte in dieser Hinsicht in den letzten Dekaden stark verloren –unter jungen Menschen glaubt nur noch eine Minderheit, dort wirklich informiert zu werden. Das Buch verliert junge Leser, Zeitungen und Zeitschriften ebenso und sogar das Leitmedium Fernsehen steht hinter dem Internet zurück.

Medien als Büttel der Herrschenden

Es liegt auch am schlechten Image der Medien, könnte man vermuten. Denn neue Umfragen ergeben: Man hält Journalisten zunehmend für korrupt und manipulativ, so der Kommunikationssoziologe Wolfgang Donsbach  2009, der sich schon seit den 80ern Gedanken über die Legitimationsprobleme dieses Berufsstandes macht bzw. das Image der Presse. Dies wird in Zeiten der Postdemokratie nach Colin Crouch eine immer bedeutsamere Frage, da über die Medien die Bevölkerung gesteuert wird (statt dass die Bevölkerung das politische System über demokratische Verfahren steuert). Assange hat seine eigene Sicht der Postdemokratie in seinem Assange-Manifest formuliert:

„Autoritäre Regime produzieren Widerstand indem sie gegen den Wunsch der Leute nach Wahrheit, Liebe und Selbstverwirklichung handeln. Pläne, die der autoritären Macht helfen, schaffen noch mehr Widerstand, sobald sie bekannt werden. Deshalb werden solche Pläne von erfolgreichen autoritären Regierungen unter Verschluss gehalten, bis der Widerstand vergeblich ist, oder die Wirksamkeit der nackten Macht überwiegt. Diese gemeinschaftliche Geheimhaltung zum Nachteil der Bevölkerung reicht aus, um ihr Verhalten als verschwörerisch zu bezeichnen.“  Julian Assange

Die Medien haben eine zentrale Funktion bei der geheimhaltung von Plänen der Herrschenden -sie sollen sie verschweigen und davon ablenken, sie ableugnen und jene, die sie aufdecken wollen, diskreditieren -genau dies droht Assange und dem Projekt WikiLeaks. Doch je mehr die Menschen diese Funktion der Medien durchschauen, umso mehr leidet das Image des Journalismus. Man hält heute die schreibende Zunft also quasi für eine PR-Truppe der Macht- und Geldeliten, denen sie größtenteils ja auch direkt gehören bzw. der sie unterstehen oder durch ökonomische Zwänge unterworfen sind.

WikiLeaks kann heute vielen als Hoffnungsschimmer am Horizont einer beginnenden Netzkultur erscheinen, als Signal zum Aufbruch in ein neues Medienzeitalter. Am Schicksal von Julian Assange hängt weit mehr als nur seine Whistleblower-Plattform. Es geht um die Mission des Journalismus in einer Zeit der Postdemokratie, um einen Kampf gegen die Pervertierung der Medien zu bloßen Instrumenten einer Technokratie der Information. Es geht auch um den Kampf um Individualität im Sinne politischer Freiheit -nicht nur im Sinne individuellen Konsums. Kämpfe brauchen Helden und wenn Julian Assange sich für diesen Kampf in die forderste Linie stellt, verdient er unsere Unsterstützung.

Literatur

Assange, Julian, Verschwörung als Regierungshandeln (Assange-Manifesto in dt. Übersetzung von Michel Buckley auf Le Bohemien:

http://le-bohemien.net/2010/12/09/exklusiv-das-wikileaks-manifest/

Donsbach, Wolfgang, Mathias Rentsch, Anna-Maria Schielicke und Sandra Degen (Hg.), Entzauberung eines Berufs. Was die Deutschen vom Journalismus erwarten und wie sie enttäuscht werden. Konstanz 2009

Donsbach, Wolfgang, Legitimationsprobleme des Journalismus. Gesellschaftliche Rolle der Massenmedien und berufliche Einstellungen von Journalisten.  Freiburg i. Br./München 1982

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