Finanzmafia greift nach Griechenland, Italien, Spanien

Griechenland, Italien, Spanien im Zangengriff der Finanzmafia

Nach der Wahl in Madrid  2011   —-   23. 11. 2011
Wie schon in „US-Rating-Agenturen drangsalieren Spanien: 15-M, WikiLeaks und Zapateros Niedergang“ hier und bei The Intelligence von mir prognostiziert, fiel Spanien am Sonntag an die Konservativen. Zapateros Rücktritt hat seiner Spanischen Sozialistischen Arbeiterpartei (PSOE) offenkundig nichts genützt. Zapateros Wahlsieg 2004 war vor dem Hintergrund von Al Qaida-Anschlägen zu sehen, auch von Empörung über die Tötung eines spanischen Journalisten durch US-Truppen bei der Stürmung von Bagdad 2003. Zapatero zog seine Truppen zügig aus dem Irak ab und wurde zum sozialistischen Hoffnungsträger der europäischen Linken, obwohl WikiLeakseinige unschöne Details über heimliche Kooperation mit den USA zur Verschleppung der Anklagen von US-Soldaten für die Bagdad-Journalistenmorde ans Licht brachte. Er setzte sich für Frauen und Migranten ein, würdigte mit einem Gesetz zur historischen Erinnerung erstmals die Widerstandskämpfer gegen die Franko-Diktatur und suchte Ausgleich mit den Basken. Doch nach der Finanzkrise knickte Zapatero vor den Sparkomissaren aus Berlin und Brüssel ein: Sozial-Streichungen und Lohndumping trieben Spanien in den Generalstreik.

Doch korrupte Medien schafften es nun, die Linke zum Sündenbock des Finanzterrors zu machen und den rechten Rajoy zum Retter hochzujubeln. Vergessen ist die Bankenkrise als Wurzel des Übels. Von den neoliberalen Deregulierern in der Politik, die sie mit zu verantworten haben, spricht gleich gar keiner mehr. Schuld an den Schulden sind wie durch ein Wunder nicht mehr die Banken, sondern die Völker und ihre “Privilegien”. Privilegien, die darin bestehen, unverschämterweise nicht als prekärer Billiglohn-Working-Poor malochen zu wollen. Und Rajoy gibt derweil die Merkel, freches Motto: „Ich kann euch nichts versprechen – bin aber wenigstens ehrlich dabei!“ Spanien zahlt für seine Anleihen bei den Finanzbonzen im November 2011 nicht weniger als 5,5% Zinsen (zum Vergleich: Deutschland zahlt 0,4%). Doch das muss nicht so bleiben, die Spanier werden sich noch wundern, vielleicht bekommen sie in zwei Jahren ja auch ihre Regierung von „Experten“, wie Rom und Athen.

Denn schlimmer geht es Italien (Anleihezinssatz: 6,3%) und dem von Kredithaien umschwärmten Griechenland (Anleihezinssatz: sagenhafte, unbezahlbare 34,6%): Dort ergreifen Regime die Macht, die von deutschen Journalisten treuherzig „Regierungen der Technokraten“ genannt werden. Tenor: Die Politik hat eben versagt, jetzt brauchen die da unten Experten, die mal so richtig aufräumen können, ohne immer an Umfragen und Volkes Wille gebunden zu sein.

Woran die angeblichen Experten sich stattdessen gebunden fühlen werden, wird sich zeigen. Papademos in Athen vielleicht an das, was er bei der US-Großbank Goldmann-Sachs gelernt hat. Mario Monti in Rom kann auf seine Erfahrungen als Wettbewerbskommissar der EU zurückgreifen, wo er an maßgeblicher Stelle die Deregulierungen des Finanzwesens vornahm, mittels welcher die große Subprime-Abzocke eingeleitet wurde. Das damals auch unter Montis Ägide durchgepeitschte und bis heute geltende EU-Recht, führte eine strikte und umfassende Liberalisierungspflicht jeglichen Kapitalverkehrs ein – und die Freigabe des Kapitalverkehrs meinte ausdrücklich nicht nur Geldströme innerhalb der EU. Vielmehr öffnete sie die Schleusen zu allen globalen Finanzmärkten, was mit den EU-Verträgen von Nizza und Lissabon massiv gefördert wurde, vorgeblich aus Gründen einer effizienten Marktgestaltung zum Wohle aller.

Deutsche Medien schreiben derzeit allerhand über Monti, meist Lobendes. Nicht erwähnt wird, obwohl es den deutschen Sparer interessieren könnte, der im Krisenjahr 2008 panisch seine Konten von den bröselnden Privatbanken zur heimischen Sparkasse um die Ecke umschichtete, Montis Beitrag aus Brüssel dazu. Monti hatte als EU-Kommissar nichts Besseres zu tun, als im Rahmen der Deregulierungsorgie der 1990er ff. das deutsche Sparkassenwesen zu gängeln. Die dort kodifizierte Gewährträgerhaftung des Staates für Einlagen galt als Wettbewerbsverzerrung, die Deutschland bis 2005 zu deregulieren – sprich: abzuschaffen – hatte. Nur einigen Übergangsregelungen war zu verdanken, dass sie 2008 noch nicht völlig außer Kraft war. In diesem Jahr gaben nach dem Lehmann-Crash Merkel und Steinbrück, bleich und zittrig, dem deutschen Sparer dann eben diese Gewährträger-Garantie (oder etwas ähnliches) für seine Einlagen bei Montis ach so effizienten Privatbanken. Nach Monti fragte keiner und fragt auch heute wieder keiner in dieser Angelegenheit.

Im Finanzkrisen-Alarmismus, der schnell zum Staatsschulden-Alarmismus umgewandelt wurde, wird hierzulande gern so getan, als sei das alles nur Problem mediterranen Schlendrians. Doch das ist nicht nur überheblich und tendenziell rassistisch, sondern auch ebenso vergesslich wie kurzsichtig. Denn der Plot des Finanzputsches sollte uns nur allzu bekannt vorkommen: Was dort auf großer Staatsebene stattfindet, kennen wir im Kleinen aus zahllosen Kommunen – die nicht zufällig sowohl als Hort der Korruption als auch der leeren Staatskassen gelten.

Der Plot läuft so: Die Medien verbreiten penetranten Alarmismus bezüglich der Staatsverschuldung und werfen der Politik vor, nicht handlungsfähig zu sein. Die Lösung sucht man nicht bei längst fälligen Steuereintreibungen der Superreichen und Multimillionärs-Vermögen, sondern bei „privaten Investoren“, die quasi gnadenhalber ihrem hilflosen Staat beispringen sollen. Ergo: Mühsam von der Gemeinschaft aller Bürger und Bürgerinnen aufgebautes Volksvermögen wird zu Schleuderpreisen an die Finanzmafia verscherbelt, die Kronjuwelen zuerst, also alles, was profitabel ist. Die Medien faseln fröhlich von „Investoren“ und „den Märkten“, die es schon richten werden, aber verschweigen dabei die schlechte Verhandlungsposition des Staates, zumal wenn seine Vertreter korrumpiert werden.

Die Medien verschweigen weiter die tiefgehende Entdemokratisierung zu bilanzieren, die mit Privatisierungen verbunden ist. Unter Umständen können sich durch Privatisierung zwar kurzfristige Vorteile ergeben; sie werden jedoch durch die langfristigen Nachteile meist mehr als aufgezehrt. Die Staatsverschuldung, in der Mediendarstellung angeblich wichtigster Grund der Privatisierung, ging nicht zurück, sondern stieg schon vor dem offenen Ausbruch der Finanzkrise stärker an. Vor allem wenn der Staat auf seine Kompetenzen und seine Kontrollmöglichkeiten verzichtet, leidet dabei das Gemeinwohl.

Das Finanzwesen selbst ist das beste Beispiel dafür, die Verschleierung der Zusammenhänge beginnt schon damit, nicht von Finanzwesen zu sprechen, sondern nur von „Finanzmärkten“ (immer mit dem verlogenen Zusatz: „Und der Markt sind doch wir alle!“); das Finanzwesen ist ein wichtiger hoheitlicher Sektor, den man keiner unkontrollierten Mafia überlassen kann. Tut man es doch, grapscht sich diese zuerst das Geld und versucht es dann in Güter, Einrichtungen und Macht umzuwandeln, z.B. durch Privatisierungen. Billiglohnland Deutschland wurde so Exportweltmeister, aber auch im Export von Arbeitslosigkeit und Staatsverschuldung, von Bildungs- und Sozialabbau. Wohlfeiles Instrument dabei: Privatisierungen. Im Ausverkauf von öffentlichem Tafelsilber finden Schwarzgeld-Milliarden aus den „Steueroasen“ lukrative Anlagemöglichkeiten.

Und so schleudern ARD, DLF, BILD und RTL unisono wochenlang ihren Medienmüll gegen angeblich faule Griechen, belassen es bei Liechtenstein, den britischen Kanalinseln, den Bermudas usw. aber bei kleinen, neckisch präsentierten Skandälchen, die zudem mit Tourismus-Idylle-Berichten rasch überschüttet werden. Tropen, Palmen, weißer Strand und, ach ja, haha, die Steueroase – keine Hasstiraden wie gegen Athen, obwohl in diesen „Oasen“ das Geld letztlich verschwunden ist, das den Griechen jetzt abgepresst werden soll. Das mediale Sperrfeuer gegen eine Aufklärung korrupter Machenschaften der Geld- und Machteliten kann wohl nur durch Whistleblower und Plattformen wie WikiLeaks im Zaum gehalten werden. Dies gilt es weiterhin zu unterstützen, auch wenn professorale Bellizisten auf das Staatsgeheimnis pochen. Die Regierungswechsel rund ums Mittelmeer stehen in Zusammenhang mit der Finanzkrise und dem von ihr markierten Regime-Umbauten vor allem in Europa.

Auch an der Nordküste Afrikas werden die Träume von Freiheit und Demokratie bedrängt, in Tunesien von Islamisten, in Ägypten kommen sie unter die Stiefel der Militärs, just trat die zivile Übergangsregierung in Kairo zurück. Um die mit einem monatelangen, blutigen NATO-Bombenhagel zur Strecke gebrachte libysche Beute streiten sich derweil die Geier der Ölindustrie. Großangelegte Angriffe auf sozialstaatliche Errungenschaften treiben weite Bevölkerungsteile ins Elend, die Mainstream-Medien trommeln für die Interessen der Finanzindustrie: Die Staatsverschuldung sei Kern des Problems, nicht etwa kriminelle Finanzmanöver von Macht- und Geldeliten. Die Völker hätten „über ihre Verhältnisse gelebt“, nicht etwa hat eine korrupte Politik ihre Wähler an die Finanzmafia verkauft.

Gerd R. Rueger ist Autor des Buches „Julian Assange: Die Zerstörung von WikiLeaks? Anonymous Info-Piraten versus Scientology, Pentagon und Finanzmafia„, Hamburg 2011 (104 S., 7,90 Euro)

http://www.theintelligence.de/index.php/politik/eu-europaeische-union/3599-griechenland-italien-spanien-im-zangengriff-der-finanzmafia.html

3 Gedanken zu “Finanzmafia greift nach Griechenland, Italien, Spanien

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