Wikileaks und Anonymous: Die Paywall-Krise

Gerd R. Rueger 23.10.2012

Seit einigen Wochen schwelt eine Beziehungskrise zwischen Wikileaks und Anonymous. Auslöser war ein Spendenaufruf von Wikileaks, ein etwas nerviges Popup, das den Zugang zur Website erschwert. Ein anonymes Twitter-Statement bezeichnete dies als „Paywall“ und unvereinbar mit der Philosophie von Anonymous. Schlagzeilen sprachen von einem Bruch und wiesen auf die an Personenkult grenzende Stellung von Julian Assange hin. Doch diese Analyse scheint es sich zu einfach zu machen.

Seit einigen Wochen schwelt so etwas wie eine undurchsichtige Beziehungskrise zwischen Wikileaks und Anonymous. Auslöser war ein Spendenaufruf von Wikileaks in Form eines etwas nervigen Popups, das den Zugang zu den Leak-Dokumenten erschwert.

In einem Twitter-Statement eines „@AnonymousIRC“ wurde dies als „Paywall“ bezeichnet, der als unvereinbar mit der Philosophie von Anonymous betrachtet werden könne: Der unbegrenzten Freiheit der Information. Einige haben darauf mit Schlagzeilen von einem Bruch der beiden Hacktivisten-Gruppierungen reagiert und speziell auf die angeblich an Personenkult grenzende Stellung von Julian Assange hingewiesen.

Dies ist teilweise richtig und doch in der Motivation undurchsichtig: Es werden allzu zielgenau die Schwachpunkte der Beziehung Anonymous-Wikileaks ins Visier genommen. Ein misstrauischer Beobachter könnte schnell zu dem Schluss kommen, dass eine Truppe von Geheimdienst-Analytikern genau auf diese Gelegenheit gewartet haben dürfte, um einen Keil zwischen die beiden unbequemen Hacker-Bewegungen zu treiben.

Mainstream-Medien schlugen begeistert zu

Die mediale Raktion darauf macht ebenfalls misstrauisch: In den Medien wurde so getan, als wäre das Spenden-Popup eine erstmalige, unerhörte Aktion, die mit allem bricht, was Wikileaks bislang tat –doch dem ist nicht so. Vor knapp drei Jahren, Ende 2009 stand Wikileaks, damals noch weitgehend unbekannt, schon einmal vor einer finanziellen Krise und unterbrach den Zugang zur Leak-Website mit einem „Donate!“ Aufruf.

Der Spendenaufruf von Wikileaks ist jedoch, genauer betrachtet, keinesfalls mit Paywalls, Geheimniskrämerei und Desinformation vergleichbar, gegen die Anonymous sonst im Netz ankämpft. Hier geht es nicht um das Abstecken von Besitzansprüchen, sondern um eine Art Streik von bedrängten Aktivisten –ob klug oder unklug angelegt, sei einmal dahin gestellt. Die Proklamation eines Bruches von Anonymous mit Wikileaks ist überzogen und wegen der führerlosen „Organisation“ auch nur als Vorschlag zu werten. Es ist ein Vorschlag aus undurchsichtiger Quelle mit undurchsichtigen Motiven. Vielleicht ist wirklich jemand empört über die Begrenzung des Zugangs zu Informationen über die Leaks. Vielleicht tut ur jemand empört, um die Hacker-Community gegen Wikileaks und speziell gegen Julian Assange aufzuwiegeln. Dies wäre im Interesse der Feinde beider Gruppen.

Die Antwort von Julian Assange

Julian Assange selbst antwortete am 15.10.2012 mit einem Statement, das die Popup-Aktion begründet und zur Solidarität aufruft –eine deutsche Übersetzung des Textes wird auf JasminRevolution publiziert. Wem dieses Statement etwas pathetisch und apodiktisch erscheint, der möge die besonderen Umstände bedenken, unter denen sie entstanden sein dürfte sowie die derzeit dramatische Lage von Wikileaks. Julian Assange steht im Zentrum globaler Aufmerksamkeit, die in westlichen Medien einen überwiegend feindseligen Ton angenommen hat. Seine Person und seine Persönlichkeit werden angegriffen, verächtlich gemacht und pathologisiert. Über die Größe seiner angeblichen Egomanie wird mittlerweile weit mehr geschrieben als über die Größer der Bedeutung der Enthüllungen von Wikileaks.

Julian Assange leidet nicht unter Verfolgungswahn –er wird verfolgt, und zwar so energisch verfolgt, von so mächtigen Feinden und unter Einsatz solcher Mittel, wie kaum ein Mensch zuvor auf diesem Planeten. Der Wikileaks-Gründer erklärt folglich in seinem Statement auch, warum eine Unterwanderung von Anonymous erwartbar und sehr einfach wäre. Er führt einen Fall der Infiltration durch das FBI an, ohne direkt zu postulieren, die aktuelle Kritik an der Popup-Aktion wäre Folge einer solchen.

Wissen können wir nicht, wer den Bruch von Anonymous und Wikileaks proklamiert hat. Dieser Bruch wäre aber sehr im Sinne des FBI. Oder des Pentagon, der CIA, der Scientology-Organisation, krimineller Banker und anderer Wirtschafts- und Umweltverbrecher, Kriegsverbrecher aller kämpfenden Armeen, Diktatoren und ihrer Folterknechte und Massenmörder. All diese Gruppen hätten ein Interesse daran, Wikileaks zu schaden und einen Keil zwischen Julian Assange und Anonymous zu treiben.

Ein Gedanke zu “Wikileaks und Anonymous: Die Paywall-Krise

  1. Die ganzen Journalisten, die sich wie wild auf den hingeworfenen Knochen „Bruch mit Wikileaks“ gestürzt hatten (sogar beim sonst ganz vernünftigen Portal Telepolis!), haben sich wohl aufs Glatteis führen lassen. Anonymous wird sich nicht mit so billigen Tricks umkrempeln lassen von… „Anonymous/Profi-Fraktion“ (die Geheimdienste haben das Modell erfunden und sind sicher nicht gut auf die Amateurliga zu sprechen, die ihnen dazwischen funkt).

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