Das Gold von Hellas: Raubbau auf Chalkidiki

Prometheus 26.10.2012

Gold ist gefragt in Zeiten der Finanzkrise, so Galindo Gaznate hier am 18.10.2012. Freunde des Edelmetalls prognostizieren eine baldige Explosion des Goldpreises, das weckt Nachfrage für neue Lagerstätten. Auch in Griechenland wollen kanadische Bergbaufirmen Gold schürfen. Die Griechen sollen wegen der Finanzkrise den Umweltschutz zugunsten von Arbeitsplätzen zurückstellen: Die Kanadier wollen  Gold und das Athener Ministerium für Umwelt, Energie und Klimawandel (ΥΡΕΚΑ) hat die Erteilung von Genehmigungen beschleunigt (Red.).

In Griechenland ist die Abzocke auf Kosten von Volk und Umwelt längst voll im Gange. Die richterlichen Entscheidungen (übrigens von 2003) sind unlängst durch ein sogenanntes Fast Track Programm umgangen worden. Das Ministerium für Umwelt, Energie und Klimawandel (ΥΡΕΚΑ) hat die Erteilung von Genehmigungen bescheunigt. Damit haben der kanadische Konzern “Eldorado Gold Corporation” oder deren griechisches Pendant “Hellas Gold” die Möglichkeit erhalten ihre Minen, auf der Halbinsel Chalkidiki bei den Ortschaften Skouries und Olympia in Zentralmakedonien, bald weiter auszubauen.

Griechische Umweltorganisationen laufen dagegen schon länger Sturm. Bei  Skouries geht es um die Zerstörung von 26.000 Hektar Land, davon 410 Hektar Waldfläche. Der Konzern hat ca. 100 einheimische Arbeitslose mit einer Bezahlung von ca. 1600€ (monatlich, was hier viel Geld ist) angelockt, deren erste “Aufgabe” es war andere einheimische Demonstranten, die gegen die Zertörung demonstrierten, zu Vertreiben. So spaltet die Hellas Gold ganze Familien in der Region. Einer “arbeitet” für die Kapitalisten, der Andere protestiert gegen die Zerstörung und Ausbeutung. Hier könnt ihr Videos von der Zerstörung/Rodung bei Skouries sehen:
Hellenic Minig Watch     http://antigoldgreece.wordpress.com/

Am Sonntag den 21.10.12 gab es die letzten Auseinandersetzungen mit der Polizei, die Tränengas und Schockgranaten einsetzte. Die Demonstration wurde durch ein Schreiben ausgelöst, in welchem das Forstamt Arnaeia der Niederlassung der Firma Hellas Gold und der Abholzung eines Waldes bei Skouries zustimmen sollte.
Gold war schon immer ein Blender. Heute kommen noch ungeheure Umweltzerstörungen sowie der Einsatz von giftigem Zyanid dazu. Das Volk wird wie immer leer ausgehen!

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Soweit ein Kommentar von Prometheus, der hier als Artikel allen Lesern präsentiert werden soll (da viele die Kommentare nicht lesen) und der leider verdeutlicht, dass die Ausführungen zum griechischen Goldschürfen von Gerd R. Rueger in seinem Artikel über BlackRock womöglich etwas zu optimistisch waren:

„Konzerne hatten Milliarden Dollars in die Aubeutung von Bodenschätzen investiert, waren aber an griechischen Behörden gescheitert, die Genehmigungen annullierten und sich wohl -entgegen der deutschen Medienhetze gegen angeblich korrupte Griechen- auch nicht bestechen ließen. Ökologie geht vor Ökonomie? Wo gibts denn heute noch so etwas? Zumal wenn es um GOLD geht? Athens Schutz für Natur- und Kulturschätze war den Finanzmogulen sicherlich ein Dorn im Auge. Allein die griechische Lebensphilosophie muss angelsächische und andere Geld-Elitäre zur Weißglut getrieben haben: Eine Lebenseinstellung, die in der Tugend eines “guten Lebens” ihr Ziel sieht und sich nicht von der Aussicht auf Gold und Milliardengewinne in närrische Raserei der Habgier stürzen lässt. So schmiedeten vielleicht, von Neid und rachelüsterner Besitzgier getrieben, Finanzbonzen den Euro-Vernichtungsplan zuallererst zulasten Athens…“

Auf der Halbinsel Chalkidiki bei Skouries und Olympia in Zentralmakedonien scheint den Goldschürfern gegen alle  ökologischen Bedenken ermöglicht zu werden, bald ihre Minen weiter auszubauen. Die Polizei schlug brutal gegen Demonstranten zu, die Finanzmafia triumphierte -vorerst.

Auf Indymedia kam folgender Bericht ans Licht:

Polizeigewalt bei Protesten gegen Goldmine in Chalkidiki, Griechenland

Verfasst von: übersetzer. Verfasst am: 24.10.2012 – 22:11. Geschehen am: Sonntag, 21. Oktober 2012. Kommentare: 1
Skouries

Augenzeugenbericht noch nie dagewesener Polizeigewalt in Skouries, Chalkidiki: “Skouries, die griechische Rosia Montana”

Ich sitze vor meinem Computer, versuche meine Gedanken zu ordnen und gleichzeitig den Schock zu überwinden, unter dem ich immer noch stehe. Es ist unmöglich… Egal welche Sprache ich benutze, wie viele Superlative ich aufs Papier bringe, es ist immer noch schwer, mich so auszudrücken, wie ich es möchte. Also versuche ich so einfach wie möglich, die Fakten zu beschreiben und hoffe, dass mich die Leute verstehen können.

Die gestrige Demonstration war vielleicht die größte gegen die Minen und sicher eine der größten in der Region Chalkidiki. Über 2000 Menschen aus der Umgebung, aber auch von weiter her, z.B. aus Thessaloniki, Kilkis, Thrakien sammelten sich in Ieriso, wo die Autokarawane in Richtung Skouries startete. Zum ersten Mal beteiligten sich auch junge Leute aus den benachbarten Dörfern an unserem Kampf (wo Ieriso als „Zentrum“ unserer Bewegung gilt). Menschen aus M.Panagia, Ammouliani, Ouranoupoli, Nea Roda, Metaggitsi, Gomati, Ormylia, N.Moudania, Polygiros, Plana, sogar aus Dörfern, in denen Minenarbeiter wohnen (Stratoniki, Stageira, Paleochori) ignorierten die Propaganda und schlossen sich an…

Als es dunkel wurde, beschloss die Polizei, uns loszuwerden. Der Angriff wurde befohlen ohne irgendeine Provokation oder Tätlichkeit von unserer Seite. Sie warfen massenweise Tränengas, schrien „Huren“, „Schwule“ und verprügelten die, die zurückblieben. Ich konnte nicht rennen, also ging ich in den Wald. Ich lag mitten in einer Tränengaswolke, überall MAT um mich herum. Sobald ich ihnen entkommen konnte, schloss ich mich einer kleinen Gruppe von Demonstranten an, die mit einem kleinen Lastwagen zurückfuhr. Auch ein Junge war dabei, dem brutal in die Rippen geschlagen worden war. Sie jagten uns eine Strecke von mindestens zwei Kilometern. Demonstranten, die Autos hatten, transportierten so viele Menschen wie möglich. Als ich nach Honto Dentro kam, sah ich mitten auf der Straße einen brennenden Baum als Barrikade, um die Polizei zu hindern, aus der anderen Richtung zu kommen… Das ist das letzte Bild, das meine Kamera gemacht hat. Was dann folgte, ist schwer zu beschreiben… Wie wildgewordene Hunde griffen sie jeden von uns an und warfen Tonnen von Tränengas. Sie zogen Frauen an den Haaren, verprügelten Leute, während sie versuchten, in ihre Autos zu steigen, und traten brutal auf alle ein, die am Boden lagen.  (Hier: vollständiger Augenzeugenbericht nebst Videolinks auf Indymedia)

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Politik der Einkerkerung: Die Wikileaks ‚Detainee Policies‘

Gerd R. Rueger 26.10.2012

WikiLeaks hat damit begonnen, die “Detainee Policies” freizugeben: mehr als 100 als vertraulich eingestufte oder anderweitig geheimgehaltene US-Dateien des Department of Defense (DoD) über Verfahren für den Umgang mit Häftlingen in Militär-Gewahrsam. Standard Operating Procedures der Gefangenenlager, etwa Camp Bucca im Irak und auch Dokumente, die im Zusammenhang mit europäischen US-Army-Gefängnissen sowie Abu Ghraib und Guantanamo gelten.
WikiLeaks hat damit begonnen, die  „Detainee Policies“ freizugeben: mehr als 100 als vertraulich eingestufte oder anderweitig geheimgehaltene Dateien  der United States Department of Defense (DoD) über Regeln und Verfahren für den Umgang mit Häftlingen in militärischem US-Gewahrsam. Im Laufe der nächsten Monate wird WikiLeaks in chronologischer Reihenfolge Dateien freigeben, welche die Politik der USA bezüglich militärischer Inhaftierung über mehr als einem Jahrzehnt dokumentieren. Die Dokumente enthalten die Standardarbeitsanweisungen (Standard Operating Procedures, SOP) der Gefangenenlager in Irak und Kuba, Verhör-Handbücher und Fragmentary Orders (FRAGOs), also Änderungen an Richtlinien und Verfahren. Eine Reihe der Inhaftierungs-Richtlinien beziehen sich auf Camp Bucca im Irak, aber es gibt auch generell gültige DoD-Richtlinien und -Dokumente, die im Zusammenhang mit europäischen US-Army-Gefängnissen, Abu Ghraib und Guantanamo gelten.

Die ersten fünf Dokumente stellte Wikileaks am Donnerstagabend online. Mit ihren Richtlinien zum Umgang mit Gefangenen haben die   USA einen rechtsfreien Raum geschaffen, in dem das amerikanische Militär Verdächtige von der Bildfläche habe verschwinden lassen kann -oft ohne weitere Spuren zu hinterlassen, so Julian Assange. Es sei inhaftierten Verdächtigen oft absichtlich keine Gefangenennummer zugewiesen worden, damit sie in keinem offiziellen Dokument auftauchen können. Solche Praktiken stellen eklatante Verletzungen der international und auch für die USA geltenden Menschenrechte dar.

Die USA scheinen darüber hinaus ihre Gewalt über die angeblich freien westlichen Medien heimtückisch ausgenutzt zu haben, um diese Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu verbergen und die Medienkonsumenten im Glauben zu lassen, alles sei in bester Ordnung. Die Menschenrechte sind in den westlichen Medien fast immer nur bei anderen in Gefahr -vorzugsweise bei Ländern, deren Regime westlichen Geldeliten den finanziellen Zugriff auf Rohstoffe, Arbeitskräfte oder Märkte erschweren, wie etwa Russland, China, Libyen oder Iran.

Doch die Realität der Menschenrechte im Westen sieht anders aus: Zum Beispiel im Gefangenenlager Guantanamo, dem US-Militärstützpunkt auf Kuba, hielten die USA bis zu 780 mutmaßliche Taliban und Al-Qaida-Mitglieder in rechtswidriger Haft. Zuletzt waren dort immer noch 167 Menschen in Gefangenschaft, obgleich  Obama im Wahlkampf die Schließung des Lagers versprochen hatte. Neben Guantanamo betrieben die USA mehrere Verhörzentren in befreundeten Staaten, in denen Verdächtige nach Angaben von Menschenrechtsgruppen auch gefoltert wurden. G.W.Bush gab im September 2006 selbst die Existenz eines solchen CIA-Verhörprogrammes zu -oder brüstete sich damit, schließlich hatte er die US-Bevölkerung durch Terror-Krieg und Islamisten-Hysterie in einen Zustand permanenter Panik versetzt, in deren Schutz er seine Politik der unverschämten Bereicherung der Öl- und Rüstungsmafia betrieb. Einzelheiten zu geheimen CIA-Gefängnissen wird man jetzt hoffentlich endlich von Wikileaks erfahren können.

Bislang stehen auf der Website wikileaks.org unter dem Titel „Detainee Policies“ neun Dokumente aus der Ära des Halliburton und Pentagon-freundlichen US-Präsidenten George W. Bush, sog. SOP (Standard Operating Procedures) zur Behandlung von Militärgefangenen.

Main SOP for Camp Bucca (working draft)
SOP for Rules of Engagement at Camp Bucca
References for urban operations manual
MOU between U.S. U.K. And Australia for transfer of detainees
Main SOP for Camp Delta, Guantanamo
SOP for conducting visits to confined inmates and detainees
SOP for disorder emergency plan
SOP for apprehending and returning escaped detainees
DoD directive for program for enemy prisoners of war and other detainees (reissued 2004)

Wikileaks  verfügt auch über ein Handbuch, das kurz nach der Gründung des Lagers Guantánamo im Jahr 2002 herausgegeben wurden. „Dieses Dokument ist von großer historischer Bedeutung. Guantánamo Bay wurde zu Recht zu einem Symbol für die systematische Verletzung der Menschenrechte im Westen“, erklärte Julian Assange dazu. Bei der Lektüre der SOPs darf selbstverständlich nicht vergessen werden, dass dies nur die bürokratische theorie der Folter darstellt und dass die tatsächliche Behandlung der Gefangenen weit inhumaner abgelaufen sein könnte -oder bis heute abläuft. Die Enthüllung rechtswidriger Machenschaften selbst ist den verantwortlichen Machthabern in US-Eliten natürlich ein weit größeres Verbrechen als ihre eigenen Schandtaten gegen die Menschlichkeit: Wikileaks wird daher verfolgt, Julian Assange gilt als Staatsfeind Nr.1 und der mutmaßliche Whistleblower Bradley Manning macht seit Jahren die leidvolle Erfahrung der Menschenrechtsverletzung in US-Militärhaft.

Siehe auch zu Wikileaks/Assange:

Wikileaks und Anonymous

Assange kritisiert Obama

Hexenjagd auf Assange -London im Abseits

Kritik an Anti-Assange-Hetzfilm

Whistleblower in Folterhaft: Bradley Manning

Finanz-Terror gegen Wikileaks

 

Steuersenkung versus Jobcenter- und Hartz IV-Brutalität

Verwaltung des Elends statt Sozialstaat?

Theodor Marloth 24.Oktober 2012

In Wahlkampfzeiten sind immer wieder Steuersenkungen Thema. Doch die Zeche zahlen immer wieder die Menschen, die am wenigsten Geld zur Verfügung haben. Die Hartz-IV-Bürokratie verschlingt Mittel, die eigentlich dazu dienen sollten, unsere Gesellschaft menschlicher zu machen. Pflegenotstand, verbaute Bildungschancen und verelendete Kinder zeigen eine brutale Ideologie -„Der Mensch ist des Menschen Wolf“? Dies ist falsch verstandene Hobbesianische Philosophie.

Im kalten Oktober konnte jüngst das ZDF-Morgenfernsehen mit einer brutalen Story aus dem sozialen Leben unseres Landes aufwarten: Einer alleinerziehenden Mutter zweier Kinder im Alter von 9 und 11 Jahren wurde der Strom abgestellt und damit auch die Warmwasseranlage. Von der Behörde, auf deren Zahlungen sie angewiesen ist, wurde ihr ein Kredit zum Begleichen der Stromrechnung verweigert. Begründung: Die beiden Kinder wären jetzt alt genug, um Herbst und Winter auch mit kaltem Wasser zu überleben. Das einzig positive an diesem Sozialdrama, das den brutalen Zynismus unserer kaum noch „sozial“ zu nennenden Sozialsysteme offenbart, ist, dass sie überhaupt in die Medien gelangte. Dies ist jedoch eine Seltenheit und diese Seltenheit ist mit ein Grund dafür, dass eine derartig menschenunwürdige Politik in unserer immer noch viertgrößten Volkswirtschaft der Welt überhaupt durchgesetzt werden konnte.

Die Berichterstattung der Medien ist in den letzten Jahren leider durchzogen von einer zynischen Haltung der journalistischen Klasse. Dies zeigt sich in der mangelnden Berücksichtigung eines von der Finanzkrise zugleich verursachten als auch in der veröffentlichten Meinung in den Hintergrund gedrängten Problems: Der sozialen Kälte. Es geht um die Verschärfung von Ausgrenzung gegenüber ökonomisch Benachteiligten -bis hin zur zunehmenden Vorenthaltung von Menschenrechten auf Teilhabe, auf Bildung, selbst auf Gesundheitsversorgung.

Statt einen Fokus auf die Sorgen und Nöte der großen Mehrheit von wenig Begüterten zu richten, kreisen Mediendarstellungen oft um das „Problem“ der Steuersenkungen. Stammtischparolen werden zu fachlich abgesicherten Erkenntnis hochstilisiert und niedere Instinkte, die Habgier vor allem werden dabei angsprochen. Dies liegt auf Linie der „neoliberalen“ Parteien, die ihre Wähler alle Jahre wieder mit billgien Steuergeschenken an die Urne locken und in der Zwischenzeit eine reiche und superreiche Klientel mit unverschämten Steuerprivilegien hätscheln.

Steuergeschenke bezahlt mit Freiheit, Würde und Blut

Dabei gehen Steuergeschenke zu Lasten der Ärmsten: Wenn dem Staat Steuern fehlen wird gespart, gekürzt und privatisiert und den letzten beißen die Hunde des „freien Marktes“. Die Armen, die Alten, die Kranken zahlen die Zeche zwar nicht aus ihrem Privatvermögen, welches sie ja gar nicht haben, aber mit dem Verlust von Menschenrechten –pathetisch könnte man sagen, mit ihrer Freiheit, ihrer Würde und ihrem Blut.

Die für eine florierende und wachsende Volkswirtschaft –wie insbesondere der deutschen Exportweltmeister-Kraftmeierei– unverschämten Einschnitte bei Löhnen, Renten, Gesundheit, Bildung usw., die wir in den letzten beiden Dekaden beklagen mussten, sind beredtes Beispiel für die Folgen einer Politik der Steuersenkungen. Einer Politik, die sich unter dem Deckmantel des angeblich effizienteren, „schlanken Staates“ in einer Orgie korruptiver Privilegien-Schenkungen ergeht, die nur den zunehmend parasitär lebenden oberen zehn Prozent nützt.

Jene zehn Prozent, die allein ihr Einkommen und Vermögen seit 1990 steigern konnten, sind quasi die Kriegsgewinnler des neoliberalen Regimes. Sie puffern und verteidigen die wirklich großen Kapitalvermögenden nach unten hin ab und streichen dabei ihren Lohn ein. Sie werden in den Mainstreammedien als „Leistungselite“ bejubelt und jammern unentwegt darüber, dass sie einen kleinen Teil ihres so erworbenen Geldes als Steuern zahlen sollen.

„Pflegenotstand“ in der Steueroase Deutschland

Deutschland ist inzwischen beinahe schon eine Steueroase (über Belgien und Österreich kann man dies fast sagen) und ein Billiglohnland –vielleicht nicht im Vergleich zu den von manchen Journalisten immer wieder hämisch daneben gestellten Indern und Chinesen, aber gegenüber z.B. Franzosen, Schweizern und Skandinaviern bestimmt. Prekarisierte Arbeitskräfte pfeifen auf dem letzten Loch für Hungerlöhne, ein weltweit üblicher Mindestlohn wird ihnen mit hanebüchenen Begründungen verweigert. Arme, Alte und Kranke werden von den Medien und populistischen Politikern höhnisch diskriminiert und den saturierten Spießer in seinem feinen Vorstadtbezirk interessiert es einen Dreck, wenn man im Rest der Stadt verelendete alte Leute im Mülleimern nach Pfandflaschen wühlen sieht.

Der Jugend wird eine faire Chance auf Zukunft verweigert, durch ein finanziell ausgeblutetes, zunehmend privatisiertes Bildungswesen, durch eine verwahrloste Wissenschaft, durch eine zynische Wirtschaft, in der die Notlage junger Menschen hemmungslos ausgebeutet wird mit Praktikanten-Spießrutenlauf und bestenfalls der lebenslangen Knechtung in (ehemals arbeitsrechtlich verbotenen) Ketten-Kurzzeit-Anstellungen.

Kranke müssen sich rechtfertigen und sich die Kosten ihrer Behandlung vorrechnen lassen, wenn sie denn ohne privat privilegiert zu sein, überhaupt noch eine erhalten. Behinderten bzw. ihren Eltern wird die Möglichkeit genetischer Selektion vorgehalten und die Mittel zu ihrer Versorgung gekürzt. Verarmte Alte lässt man mit schwärenden Wunden in ihrem eigenen Kot und Urin elend verrecken und die Medien entdecken nur alle paar Jahre mal wieder das etwas unappetitliche Thema „Pflegenotstand“, vermutlich mit dem Hinweis der Senderchefs: Bitte nicht zur Essenszeit ausstrahlen. Vor diesem Hintergrund ist jede auf noch mehr Steuersenkungen zielende Idee inhuman, sofern sie die soziale Dimension vergisst.

Der Homo Oeconomicus ist des Menschen Wolf

Hinter dem Verdrängen der sozialen Dimension bei der Diskussion von Finanz- und Steuerwesen verbirgt sich leider oft eine ungute Sicht des Menschen, er sei des Menschen Wolf. Diese auf Thomas Hobbes zurückgehende Perspektive wurde zur Basis vor allem der angelsächsischen Geistesgeschichte, deren ökonomische Theorien im Gefolge von Adam Smith ff. heute zunehmend nicht nur die Wirtschaft, sondern auch Politik, Kultur und -mit besonders fatalen Konsequenzen- das soziale Leben dominieren. Hobbes Menschenbild spiegelt jedoch, bei all seinen geistesgeschichtlichen Meriten, die blutigen Wirren der Englischen Revolution (vgl. Marloth S.88 ff.) und ist dringend wieder durch mehr Orientierung an Immanuel Kant und seinem Kategorischen Imperativ zu ersetzen.

Im Ansatz an Steuerbefreiungen für wohlhabende Stromsparer würde sich leider auch eine Rangordnung der Menschen nach ihrer ökonomischen Privilegierung ausdrücken, die eine Art heute hoffähig gemachten Sozialdarwinismus ahnen lässt. Dahinter steckt schlicht die falsche Annahme, dass der, der viel hat, dies auch „verdient“ hat, d.h. auch in einem moralischen Sinne verdient hat. So wie unsere Gesellschaft heute aussieht, kann davon natürlich keine Rede sein.

Dahinter steckt auch die Annahme, Menschen wären primär ökonomisch motiviert, also davon, sich in eine ökonomische Rangordnung möglichst weit oben einzureihen. Volkstümlich wird dies zuweilen formuliert im Sprichwort „Am Gelde hängt, zum Gelde drängt doch alles“. Dem ist aber nicht so. Ansonsten müssten alle Menschen versuchen, z.B. Wirtschaftsrecht zu studieren, um zu den Spitzensalären vorzudringen, oder Medizin (falls noch nicht dessen bewusst, dass die brutalen Finanzeinschnitte im Gesundheitswesen inzwischen nicht nur Pflegepersonal und Patienten, sondern selbst die Ärzte treffen) oder BWL, wenn es an Verstand mangelt.

Glücklicherweise wenden sich aber die meisten Studenten der Wissenschaft, z.B. der Soziologie, Literatur, Philosophie zu und sehen das ökonomische System nicht als Lebenszentrum und Ziel aller Träume, sondern als den Bereich, der ihnen Geld und Güter zur Verwirklichung höherer Werte generieren soll. Indem die immer übermächtiger werdende Geldelite ihre ureigenste Machtquelle der ganzen Gesellschaft als letzten Wert aufzwingen kann, sollen wir alle aber um das Goldene Kalb des Profits tanzen und den größten Profiteuren als „Leistungselite“ huldigen.

Wer sein Leben Kunst, Wissenschaft und Kultur widmet, wer sich politisch und sozial für andere einsetzt, und seien es auch nur die eigenen Angehörigen, verdient mehr Anerkennung als der nur an seinen persönlichen Profit denkende Homo Oeconomicus. Geld hat freilich nur Letzterer zuhauf und dafür soll er auch gefälligst seine Steuern zahlen, wenn er außer zur Wirtschaft schon sonst nichts für die Gesellschaft beiträgt. Schluss mit jeglichen Steurgeschenken an Privilegierte!

Anmerkung: Dieser Beitrag ist die in zwei Teilen ausgearbeitete Fassung eines Artikels des Regensburger Sozialhistorikers Theodor Marloth, der zuerst in der Fachzeitschrift Big Business Crime (Nr.1, 2012, S.13-15) unter dem Titel „Solarenergie gegen die Soziale Kälte?“ als  Replik auf einen Text von Hans Scharpf   erschienen ist. Siehe auch Teil 2: „Ökostrom und Steuersenkungen: Die soziale Seite“ von Theodor Marloth, in der neben der ökologischen Frage auch die gemeinsamen Wurzeln von Faschismus, „Globalisierung“ und „Neoliberalismus“ analysiert werden. Theodor Marloth ist Autor von „Leviathan und Anglikanismus: Die Staatsphilosophie von Thomas Hobbes zwischen Reformation und Revolution„, erschienen Saarbrücken 2008.