Aaron Swarts: Als „Raubkopierer“ in den Tod gehetzt

Gerd R. Rueger 28.01.2013 AaronSwartzPic

Informationen sind Macht. Aber, wie so oft, gibt es Menschen die diese Macht für sich behalten wollen. Aaron Swarts, Guerilla Open Access Manifest

Der Kampf für eine offene, demokratische Netzkultur hat einen der engagiertesten und talentiertesten Mitstreiter verloren. Die  Herrschaftseliten, die die Macht des Wissens und der Information plutokratisch für sich behalten wollen, haben ihn mit juristischem Terror in den Tod getrieben. Er starb auch für Wikileaks und Anonymous, die als Symbol für eine neue digitale Gesellschafts stehen.

Some of Swartz’s advocates believe the prosecution sought excessive punishment to set an example in the age of Wikileaks and Anonymous. Rollingstone.com

Anonymous: Gedenk-Hacken für Aaron
Nach dem Suizid des Internetaktivisten hat die Hackergruppe Anonymous mehrere Server der US-Justiz angegriffen, meldet tagesschau.de. Spätere Hacks trafen Daten von US-Bankern, die geleakt wurden -Forderung ist eine Humanisierung des US-Computerstrafrechts. Swartz drohten mehrere Jahrzehnte Gefängnis und eine Geldstrafe von einer Million Dollar. Swartz war in das Akademische Archiv JSTOR des Massachusetts Institute of Technology (MIT) eingedrungen und hatte die Daten von 4,8 Millionen Fachartikeln veröffentlicht. Nutzer hätten für den Zugang zu diesen wissenschaftlichen Arbeiten bezahlen müssen, obwohl der Zugang zu wissenschaftlichen Erkenntnissen allen offen stehen sollte -doch das reichte für die juristische Hetzjagd auf Aaron (Anklageschrift).

Aaron H. Swartz wurde am 08.11.1986 in Chicago geboren, er starb durch Suizid am 11.01.2013 in New York-Brooklyn. Aaron war ein US-amerikanischer Programmierer, Autor und Hacktivist und setzte sich für freien Zugang zu Inhalten des Internets und gegen Zensur ein.

2008 proklamierte Swartz das von ihm im Juli selben Jahres fomulierte Guerilla Open Access Manifest als Grundlage für den radikalen Flügel der Open Access Bewegung.

Aaron veröffentlichte 2009 etwa 20 Millionen Gerichtsdokumente, die er im Vorjahr aus der öffentlichen und von bestimmten Bibliotheken aus probeweise kostenlos zugänglichen Datenbank PACER (Public Access to Court Electronic Records) völlig legal heruntergeladen hatte. Swartz beabsichtigte die Erstellung eines durchsuchbaren Archivs und die Dokumente sind heute im Internet Archive zugänglich. Angeklagt wurde er wegen der Verbreitung von wissenschaftlichen Artikeln der Paywall-Datenbank JSTOR, die einen gebührenpflichtigen Online-Zugang zu den Artikeln von mehr als 1.400 Wissenschaftszeitungen anbietet. In der Anklageschrift wird lamentiert, dass JSTOR viel Zeit und Geld in die Digitalisierung der Texte investiert habe, was auch die Universitätsbibliotheken entlaste. Ein Hohn auf die meist öffentlich finanzierte Arbeit der Kreativen, deren Früchte einer Paywall-Gruppe in den Rachen geworfen werden, weil die öffentliche Hand zuwenig Geld hat, die Erkenntnisse selbst zugänglich zu machen.

Obwohl JSTORE angeblich eine gemeinnützige Institution ist, erscheint höchst fraglich, dass enorme Summen von der Öffentlichkeit für Wissen verlangt werden -es geht um Wissen, dessen Produktion sie bereits bezahlt hatte und das frei sein sollte, für alle. Das wirft auch die Frage nach Korruption auf, denn im Vergleich zu den Kosten der Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten ist deren kostenlose Verbreitung spottbillig. Das ist die Logik des Neoliberalismus, die Logik von Raffgier, Privatisierung und Korruption. Hat ein Behörden-Mufti da einen Deal mit einem Content-Mafioso gemacht?

Die Wissens-Content-Verkäufer verdienen womöglich an den Ergebnissen der mit Steuergeldern finanzierten Artikel: eine JSTOR-Jahresgebühr kann über 50.000 Dollar betragen. JSTOR ermögliche allerdings nicht, dass Artikel automatisch oder ganze Hefte oder Themenblöcke heruntergeladen werden. Man kann also nur immer einzelne Artikel kaufen, was Recherchen erschwert: Privater Profit behindert die Produktion von Wissen, an welcher Dritte auch noch parasitär profitieren. Zu der Zeit, als Swartz die Massenkopie der Wissenschaftsartikel vornahm, war er am Center for Ethics der Harvard University, dessen Direktor ist Lawrence „Creative Commons“ Lessig. Aaron soll sich dort passenderweise mit institutioneller Korruption beschäftigt haben -war er einer korruptiven Sauerei größten Ausmaßes auf die Spur gekommen?

Openeverything schreibt: „Unter dem Hashtag #pdftribute sammeln Wissenschaftler und Studierende aus aller Welt freie wissenschaftliche Publikationen in Gedenken an Aaron Swartz. Swartz war nicht nur Mitgründer von Reddit und Entwickler der RSS-Spezifikationen, sondern auch Architekt und Entwickler von OpenLibrary.org, Autor des Guerilla Open-Acces Manifests und somit aktiver Verfechter von freiem Zugang zu Bildung und Wissen. Nicht umsonst wurde er von einigen als “Informationsterrorist” gefürchtet und von anderen als “champion of the open world” gefeiert. Derweil werden die Vorwürfe gegen die Staatsanwalt und das MIT immer lauter. So geben nicht nur andere Netzaktivisten, sondern auch Swartz’ Angehörige der Staatsanwaltschaft und dem MIT eine Mitschuld an dem Suizid.“

„This was, in my opinion, part of a coordinated campaign to scare young Internet activists„, sagte Roy Singham, ThoughtWorks chairman und ein Freund von Swartz, Rollingstone.com.
Kampagnen der Content-Mafia

Mit der unerträglichen und verlogenen Hetzkampagne „Raubkopierer sind Verbrecher“ fing die Verleumdung der Netzkultur durch die Content-Mafia des Big Business der Verwerter-Industrien an. Unter Einsatz ihrer gewaltigen Medienmacht und ihrer ökonomischen Überlegenheit setzten sie eine junge neue Kultur unter Druck. Sie versuchten, ihre überkommenen, reaktionären Wertsysteme einer Gesellschaft aufzuzwingen -einziges Ziel: Profit. Die großen Medienkonzerne wollten weiterhin ungestört ihre parasitäre Zwischenhändler-Existenz zwischen Kreativen und Gesellschaft profitabel halten. Mehr noch: Die von Kreativen geschaffenen technischen Möglichkeiten der digitalen Kultur sollten ihre Macht noch verstärken, Stichwort DRM (Digital Rights Management). Einen dieser Kreativen haben sie mit ihrer unmenschlichen Politik der Raff- und Machtgier in den Tod getrieben.

Die anklagende Staatsanwältin Carmen Ortiz soll bekundet haben, wie sehr ihr der Suizid des von ihr gehetzten Hackers leid tue -es läuft eine Petitions-Initiative aus dem Web, in der schon Zigtausende ihre Entlassung fordern.

120px-HelenandJudith(1757)Einen Tag nach Aarons Festnahme stellte ein unbekannter Nutzer knapp 19.000 wissenschafts-historische Dokumente der Philosophical Transactions of the Royal Society, die bei JSTOR kostenpflichtig angeboten wurden, in The Pirate Bay ein. Damit wolle er laut Datei-Beschreibung dagegen protestieren, dass JSTOR Geld für Dokumente nimmt, die gemeinfrei sein sollten: Diese Dokumente wurden zwischen dem 17. Jahrhundert und dem frühen 20. Jahrhundert veröffentlicht.

Es wird Stehlen und Piraterie genannt, als ob das Teilen von Wissensreichtümern das moralische Äquivalent zur Plünderung eines Schiffes und zum Mord der ganzen Crew wäre. Dabei ist Teilen nicht unmoralisch – es ist eine moralische Notwendigkeit. Nur solche, von Gier geblendeten würden einem Freund eine Kopie verweigern. Natürlich sind großen Firmen vor Gier geblThe_Pirate_Bay_logo.svgendet. Die Regeln in denen sie sich bewegen erwarten dies – ihre Aktionäre würden sich mit weniger auch nicht zufrieden geben. Und die Politiker haben ihnen das abgekauft, erlassen Gesetze die ihnen die exklusive Macht geben, selbst zu entscheiden wer kopieren darf. Aaron Swarts, Guerilla Open Access Manifest

4 Gedanken zu “Aaron Swarts: Als „Raubkopierer“ in den Tod gehetzt

  1. Üble Sache -war es aber wirklich ein Suizid?
    Es gab Dunkelmänner, die Mordmotive gehabt haben könnten
    -eines Tages müssen allerhand Unfälle, Suizide usw. unter Hacker-Genies aufgeklärt werden:
    Ein Job für Wikileaks!

  2. Der Plutokrat hasst niemanden mehr als den Nerd.
    Darum haben sie mit viel viel Geld auch ihre Top-Soap Big Bang Theory speziell zur Nerdgleichschaltung entwickeln lassen: Mit Nerddeppen mit Hoch-Techno-IQ aber niedrigst poltischem IQ, und schleimoangepasst bis zum Stehkragen… so hätten die den Nerd gern.
    Medienmafia? Alle sozialisieren! (vulgo: verstaatlichen)

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