Wikileaks meets Google

Gerd R. Rueger 20.04.2013

Worüber redete Julian Assange 2011 fünf Stunden lang  mit Google-Boss Eric Schmidt? Wikileaks hat das Gespräch jetzt in voller Länge online gestellt. Internet-Tycoon Eric Schmidt war am 23.06.2011 in Großbritannien als Julian Assange  noch  unter Hausarrest stand und gegen seine Auslieferung klagte. Eine Kooperation Google-Wikileaks wurde ausgelotet, Googles Beziehung zu US-Behörden kritisiert. Es ging um Phil Zimmerman („Mr.PGP“), Kryptographie sowie um Freiheit, Gerechtigkeit und – Geld.

Worüber sprach Julian Assange volle fünf Stunden lang  mit dem mächtigen Google-CEO Eric Schmidt? Wikileaks hat das Gespräch jetzt online gestellt. Schmidt traf zusammen mit seinem Google-Kollegen Jared Cohen den Wikileaks-Gründer am 23. Juni 2011. Cohen leitet die Denkfabrik Google Ideas und war zuvor schon für das US-Außenministerium tätig, wo er als Experte für Internet und Digitales galt. Julian Assange  stand damals noch in Großbritannien unter Hausarrest und klagte gegen seine Auslieferung an Schweden -und von dort wahrscheinlich weiter in ein US-Gefängnis. Es ging um Phil „Mr.PGP“ Zimmerman sowie um Freiheit, Gerechtigkeit und Geld.

Eric Schmidt bekundet in dem lockeren Gespräch Respekt und Bewunderung für die Arbeit des Wikileaks-Gründers, fragt nach der praktischen Arbeitsweise von Wikileaks und der Verfolgung von Julian Assange durch US-Behörden. Der lässt im Gegenzug durchblicken, dass kräftige Geldspenden des schwerreichen Google-Hippsters nicht ungelegen kämen, was mit Scherzen quittiert wird („Nimmst du auch Bitcoins?“ „Klar, her damit“ oder so ähnlich, gut möglich, dass Eric Schmidt danach tatsächlich einige Dollars locker machte).  Julian Assange erklärte, die Whistleblower-Plattform sei als Antwort auf ein “verkrüppeltes” System der Informationsverbreitung nötig gewesen, übersetzte ZDNet“Ich gehe grundsätzlich davon aus, dass Desinformation so leicht zu erzeugen ist, weil die Komplexität das Wissen überdeckt.” Es sei daher im laufenden Jahrzehnt für Regierungen, Unternehmen und Marketingexperten naheliegend, Systeme der Desinformation aufzubauen , sagte der Wikileaks-Gründer, das mache natürlich die Arbeit eines ernsthaften Journalisten erheblich schwieriger. Die Themenpalette  reichte von der virtuellen Währung Bitcoin bis zum Einfluss von Wikileaks auf die Revolution in Tunesien. Im Verlauf des Gesprächs fragte Eric Schmidt, wie Assange überhaupt mit seinen Mitarbeitern kommuniziere. Assange erklärte, keine E-Mails zu nutzen, da es “zu gefährlich” sei, und Leute lieber persönlich treffe:

“…verschlüsselte E-Mails sind vielleicht noch schlimmer, weil sie leicht auffallen und so zu Endpunkt-Angriffen provozieren … aber wir haben verschlüsselte Mobiltelefone. Leider arbeiten sie nicht in allen Ländern, aber mit SMS-Nachrichten geht es überall.”

Bezüglich seiner Strafverfolgung zeigte sich der Wikileaks-Gründer damals noch optimistischer, hoffte auf eine ähnliche Entwicklung wie im Fall Phil Zimmerman. Der PGP-Entwickler wurde von US-Strafverfolgern wegen angeblichen Bruchs der „Waffenexportgesetze“ angeklagt, weil er sein Krypto-Programm weltweit zugänglich machen wollte. Es war die Zeit der „Krypto-Kriege“ zwischen den USA und Europa, wo auch Paris und Berlin Zugang zu mehr Verschlüsselungs-Technologie suchten.

JA: So remember Philip Zimmermann’s PGP case?
ES: Yes

JA: That was just a grand jury investigation. It was moderately serious. ButJAssangeBobby he wasn’t convicted. No one at that time was being convicted, they were being investigated. It changed the behaviour of tens of thousands of people who were involved in choosing to put cryptography into programs or not. All sorts of tortured copyright assignments and inter software company structuring arrangements, and how code was deployed, were engaged in, just from that negative signal of a grand jury investigation. So what that means is that signals about what behaviour is acceptable, what behaviour you can get away with and what behaviour is beneficial to individuals engaging in it and what behaviour is not, changes how many people behave. So we are at a crossroads now where those organizations that are fighting against those people who want to be able to publish freely and disclose important information to the public…

Die Sache mit PGP und Zimmerman verlief jedoch mehr oder weniger im Sande, die US-Regierung hatte dem dreisten Hacker nur die Grenzen aufgezeigt. Ab 9/11 2001 wurden die USA dann aber auf Krieg eingeschworen, nach außen gegen „den Terror“ in islamischen Ländern und nach innen gegen die Bürgerrechte, die Präsident Bush junior rigoros einschränkte -unter Terror-Panik und Alarmstufe Rot erlebte das Land einen Rückfall in den Kalten Krieg. Die letzten beiden Jahre bezeugen daher, dass im Fall Assange weniger Milde walten dürfte: Man will offensichtlich an Wikileaks ein Exempel statuieren.

Tatsächlich lotete Julian Assange mit Google-Chef Eric Schmidt damals vor zwei Jahren sogar Kooperationsmöglichkeiten aus und regte voller Optimismus an, dass Google etwa die Anfragen veröffentliche, die von US-Behörden auf Basis des „Patriot Act“ an das Unternehmen gestellt werden. Schmidt meinte dazu, er habe darüber lange und intensiv nachgedacht, aber es sei für Google nicht möglich in den USA einen derartigen Rechtsbruch zu begehen -denn die „Anti-Terror-Krieger“ im Patriot Act haben natürlich strikte Geheimhaltung über ihren Zugriff auf die Privacy aller Googlenutzer verfügt. Die Frage, ob das hippe Google-Team mit seiner „Wir-sind-die-Guten“-Politik noch allzu glaubwürdig ist, beantworten heute viele pessimistischer. In den USA wurde unter Quasi-Kriegsrecht nicht zimperlich mit den Bürgerrechten umgegangen, schon gar nicht mit Rechten von Nicht-Amerikanern. Firmen, die Kundenprofile anlegen, schaffen nicht nur Datenbestände für die Überwachung, sie entwickeln auch Methoden und gewöhnen das Publikum daran, seine Privacy nicht ernst genug zu nehmen.

US-Amerikaner Eric Schmidt beschwerte sich seinerseits, warum Wikileaks vor allem Dokumente westlicher Demokratien veröffentliche und nicht totalitärerer Regime und „Böser-Diktator-Typen“, etwa in Afrika. Julian Assange sagte dazu, dass man auch dazu viel „anständiges Zeug“ publiziert habe. (Tatsächlich begann ja die Leak-History von Wikileaks mit Enthüllungen in Kenia und der Giftmüll-Verbringung aus Europa nach Westafrika, vgl. Gerd R. Rueger 2010). Aber ärmere Länder seien nicht so gut vernetzt wie westliche, das Interesse der westlichen Medien ließ zu wünschen übrig. Auch gebe es Sprachbarrieren, wenn die Amtssprache nicht Englisch sei, das erschwere z.B. das Auffinden von Leaks.

Schmidt und Cohen publizieren demnächst das Buch „The new digital age“, fürWL_Logo das die beiden Googlianer auch Julian Assange interviewten. Die Wikileaks-Veröffentlichung wird dazu beitragen, den Lesern Transparenz über das Gespräch zu vermitteln. Ein direktes Zugänglichmachen von Quellen sieht Wikileaks als beste Form von Veröffentlichung -man wird sehen, was in dem Buch aus dem Gespräch herausgefischt wurde und ob es korrekt wiedergegeben wird. Leider musste Julian Assange mit Guardian-nahen Journalisten schlechte Erfahrungen in dieser Hinsicht machen: Aus einem langen Interview mit ihm wurden nur wenige Minuten tendenziös ausgesucht, um ihn zu diffamieren und das ganze in der hetzerischen Anti-Wikileaks-„Dokumentation“ Secrets and Lies in einen extrem diffamierenden Kontext zu stellen.

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