Lutz Schulenburg: Alt-Anarchist jung verstorben

Verleger, Anarchist Lutz Schulenburg (1953-2013)

Theodor Marloth 02.05.2013

Edition Nautilus trauert um Lutz Schulenburg. Ein links-anarchischer Kleinverlag in Hamburg, dessen Bücher Tausenden den Weg nach links ebneten. Lutz Schulenburg brachte ein dezidiert links-intellektuelles Programm auf den Weg und fand mit Andrea Maria Schenkels Krimi „Tannöd“ später einen filmwürdigen Bestseller, der das alles auch finanzieren half.

1968 in der westdeutschen autoritären Post-Adenauer-Demokratur trat er im zarten Alter von 16 einer sozialistischen Schülergruppe bei, brannte durch und strandete beim Versuch ins sozialistische Kuba zu kommen in München. Dort mischte er sich unter Hippies und rebellische Schüler, hielt sich mit Hilfsjobs über Wasser, bis die Polizei den Minderjährigen zwangsweise zurück nach Hamburg verfrachtete: Schule geschmissen, Lehre abgebrochen -dann anarchistischer Kleinverleger: Eine fantastische Bilderbuch-Karriere, die man statt der des unpolitisch-datenschutzreaktionären Langweilers Zuckerberg (Mr.Facebook) lieber hätte verfilmen sollen. Aber die Mediendiktatur wäre keine Mediendiktatur, wenn sie Menschen mit Hirn und Herz als Vorbild hinstellen würde und nicht geldgeile Hohlköppe. Schade um ein 68er Original, bei dem sich der Drang von Linksunten nach Rechtsoben weitgehend den Idealen unterordnen musste. Wären die doch bloß alle so gewesen!

Lutz Schulenburg: „Es fing sehr lustig an. Wir hatten Sehnsüchte und Fragen. Die mussten wir beantworten. Dazu, dachten wir, helfen uns auch bestimmte, ausgewählte internationale Texte, die wir verbreiten wollten. Wir hatten auch eigene Texte, wir wollten eingreifen. So hat alles angefangen. Eigentlich in gewisser Weise als Selbsthilfeprojekt. Da wir als Libertäre immer eine extreme Minderheitenposition innerhalb der Linken vertreten haben, war das nicht einfach.“ In der anarchistischen Graswurzelrevolution erschienen: Interview über die Edition Nautilus.

Die Edition Nautilus wurde 1974 vom noch sehr jungen Lutz Schulenburg (Kurzbiografie) gemeinsam mit Pierre Gallissaires und  Hanna Mittelstädt gegründet. Alle drei wurden von der 68er-Bewegung geprägt, gerade auch vom revolutionären Pariser Mai 1968. In der Folge versuchte Nautilus, vor dem Hintergrund des in den 1970er-Jahren entstehenden moskaulinken und maoistischen Linkssektierertum, den spontanen, undogmatischen Geist jener Zeit am Leben zu erhalten. Sie bemühten sich darum, die politische und literarische Linke, die undogmatische Avantgarde der 1920er-Jahre wiederzuentdecken und neu aufzulegen. Sie begannen mit der Herausgabe der Zeitschrift MaD unter dem Namen MaD-Verlag ( „Materialien, Analysen, Dokumente“, was offiziell an das unpolitische US-Satiremagazin MAD erinnernd,  aber insgeheim als Parodie auf den Armee-Geheimdienst West gemeint war, den heute noch existierenden Militärischen Abschirmdienst MAD der Bundeswehr). Nach einer Klage der Verleger der deutschen Ausgabe des aus den USA stammenden MAD-Magazins mussten sie den Kleinverlag 1975 in Edition Nautilus umbenennen -ein viel besserer Name.

Das Verlags-Programm versammelte politische, anarchistische, dadaistische und situationistische Schriften und gab bald literarischen Texten neuerer Autoren eine Chance, die alteingesessene Verlage nicht bieten wollten -Autoren wie Ingvar Ambjørnsen, Franz Dobler, Sean McGuffin und Johannes Muggenthaler publizierten bei Nautilus. Das größte Projekt des Verlages war die zwischen 1981 und 1997 in zwölf Bänden erschienene erste komplette Ausgabe der Werke von Franz Jung. Ebenfalls 1981 wurde der Titel von Franz Pfemferts Zeitschrift Die Aktion wiederbelebt. In neuerer Zeit veröffentlichte die Edition Nautilus u. a. Bücher von und über Buenaventura Durruti, Wiglaf Droste, Peter Hacks, Subcomandante Marcos, Errico Malatesta, Horst Stowasser und Jochen Schimmang. Ein wesentliches Markenzeichen des Verlags ist nach wie vor die „Kleine Bücherei für Hand und Kopf“, in der zahlreiche, lange Zeit vergessene Texte der klassischen Moderne, u. a. von Enrico Baj, Max Ernst, Richard Huelsenbeck, Francis Picabia, Kurt Schwitters, den Surrealisten und Tristan Tzara wieder aufgelegt werden und wurden. Mit der Krimi-Reihe und dem Erstlingswerk Tannöd der Autorin Andrea Maria Schenkel, die für ihren Roman den Deutschen Krimi-Preis 2007 erhielt, schaffte es der Verlag erstmals auf „Platz 1“ der Sparte Belletristik innerhalb der vom Fachmagazin buchreport ermittelten Bestsellerliste. 2008 erhielt die Autorin Andrea Maria Schenkel zum zweiten Mal den Deutschen Krimi-Preis für ihren Roman Kalteis. Seit 2010 gibt das Nautilus-Imprint „edition fünf“ mit den verantwortlichen Herausgeberinnen Silke Weniger, Karen Nölle und Christine Gräbe jeweils fünf Bücher jährlich von Autorinnen heraus, die ihrer Meinung nach zu Unrecht nicht (mehr) aufgelegt wurden.

Fazit: Etwas Kommerz muss sein, aber mit Hirn und Herz -so kann es auch gehen, liebe finanzkriecherische Medienindustrie.

Detaillierte Wirtschaftsinformationen (Stand: 02.05.2013)
Geschäftsname: Edition Nautilus Verlag Lutz Schulenburg
Handelsname: Edition Nautilus
Handelsregister: HRA82942
Anzahl Mitarbeiter: 1 – 9
S.I.C: Bücher: Verlag, Druckerei u. Verlag, Versch. Publikationen, Drucksachen f. gewerbl. Zwecke
WZ2008: Buchverlage, Druckerzeugnisse

2 Gedanken zu “Lutz Schulenburg: Alt-Anarchist jung verstorben

  1. Wiglaf was mal Anarcho ? Da HaBE ich aber was verpasst. Als die grauen Wölfe vor den Torender Frankfurter Buchmesse sich an mir und meinen WandzeitungdAgitProvoTexten zu schaffen machten, da hat der Wiglaf mit „Ich kann mich nicht um jeden Dreck kümmern!“ meine Bitte um Hilfe wegge- und ist entwischt entschwunden „Ich hab gleich nen Termin bei der Frankfurter Rundschau!“ .. seine Lesung fand zwei Stunden später statt. er hatte nicht mal Zeit, meinen Verleger zu informieren, auf dass der Hilfe holte… Droste ist super

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