Das verspielte EGO des Frank Schirrmacher

Theodor Marloth  05.06.2013 https://i1.wp.com/www.tip-berlin.de/files/mediafiles/214/0_1020_191771_00.jpg

Neoliberale kritisieren den Neoliberalismus. Neoliberale Medien umjubeln sie als radikale Zeitdiagnostiker und Kapitalismuskritiker. Was FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher uns in seinem Buch „EGO: Spiel des Lebens“ da wirklich präsentiert? Versatzstücke linker Kritik und Spieltheorie auf Stammtisch-Niveau, alarmistisch aufgeblasen, ohne Ursachen-Analyse –dafür mit dem zynischen Fazit: Man kann ja eh nix machen. Bleib zu Hause, Widerstand ist zwecklos, spiel nicht mehr mit.

Bundesverdienstkreuzträger Frank Schirrmacher, als FAZ-Herausgeber einer der mächtigsten Pressemänner im Land, hat angeblich eine Wandlung durchgemacht: Vom erzreaktionären Wirschaftsliberalen zum Freidenker, der linke Kritik nicht mehr als kommunistische Propaganda abtut. Die Finanzkrise brachte die Erleuchtung, dass freie Märkte doch nicht zwangsläufig ins Paradies des „größtmöglichen Glücks der größtmöglichen Zahl“ führen müssen. Vielmehr kam es zum größtmöglichen Zahlenmüssen der Allgemeinheit für die größtmögliche Zahl von gaunernden Bankstern. Das haben auch immer mehr FAZ-Leser unter finanziellen Schmerzen begriffen. Und bevor die nun alle ins Grübeln kommen, nicht mehr Kohl, sondern den Krisenmahner Altkanzler Schmidt anhimmeln, am Ende noch die FAZ ab- und stattdessen die FR (Frankfurter Rundschau, ehemals liberales Konkurrenzblatt) bestellen, dreht Frank Schirrmacher hektisch rhetorische Pirouetten. Vom neoliberalen Saulus der Märkte zum libertären Paulus der Gesellschaftskritik?

Neobiologist Frank Schirrmacher: “Mein (Überlebens-) Kampf”

War vorher alles toll, was reichen Leuten noch mehr Geld bringt, entdeckt der FAZ-Konsument in Schirrmachers neuem Buch “EGO. Das Spiel des Lebens” plötzlich die Schattenseiten des Neoliberalismus: Eine kalte, gnadenlose Theorie hinter den Märkten, die heute –digital implementiert– unsere Hirne infiziert. Und überall tobt der darwinistische Kampf der “Überlebensmaschinen” (Gene, Meme, Menschen, Märkte), wie einst der Kampf der Rassen beim Biologismus1.0. Heimtückisch firmiert die teuflische Lehre der Marktokraten unter dem drolligen Namen „Spieltheorie“, wurde aber im Kalten Krieg von einem militär-kapitalistischen Think Tank, der berüchtigten RAND-Corporation, entwickelt. (1) Einst für Militärstrategien der nuklearen Abschreckung ersonnen, machte sie sich an der Wall Street breit und peinigt die Welt heute mit der Finanzkrise. Doch im digitalen Datennetz und durch die Massenmedien erfasst sie auch unsere Hirne, diszipliniert und degradiert uns zu ökonomisch ferngesteuerten Robotern. Schirrmacher fragt entsetzt: „Was wird hier mit uns gespielt?“

Soweit alles altbekannt aus linker Kritik am Kapitalismus, hier als plattes, bis zur Lächerlichkeit überzogenes Abziehbild präsentiert. RAND wurde bekanntlich von der US-Bomber-Industrie zwecks schüren antisowjetischer Panik (McCarthy-Hexenjagd) zur Steigerung der Militäretats installiert, um der Kriegstreiberei einen wissenschaftlichen Anstrich zu geben. Schirrmacher löst sich jedoch nicht von der kritisierten Ideologie, sondern versucht ihr neues Leben einzuhauchen. Dabei stellte schon 1966 der RAND-Dissident Anatol Rapoport ernüchtert fest:

“Wie die Ideen der primitiven Wirtschaftslehre, so stützen sich auch die Ideen des primitiven politischen Denkens auf eine grobschlächtige Interpretation des Existenzkampfes, was ebenso zu unerbittlichen Schlußfolgerungen über die Unvermeidbarkeit von Machtkämpfen geführt hat und folglich auch zu ihrer Rechtfertigung beiträgt.” A. Rapoport

Endgültig fällt die fadenscheinige Maske des Kritikers, wenn Schirrmacher altbekannte und viel kritisierte Parallelen von Ökonomie und Biologie wiederkäut. Denn den kruden Biologismus neoliberaler Menschenbilder jubelt der angebliche Kapitalismuskritiker Schirrmacher zu mythischer Größe hoch: Unsere egoistischen Gene seien winzige Überlebensmaschinen in uns. Wir Menschen aber seien winzige Überlebensmaschinen in den gewaltigen Überlebensmaschinen der globalen Märkte. Das mystische Wunder der modernen Spieltheorie wirke sowohl in Darwins Selektion des Stärkeren als auch in seiner digital implementierten Version der gewaltigen Finanzmärkte und damit in uns allen. Damit salbt Schirrmachers Pseudo-Kritik das sozialdarwinistische Gesellschaftsmodell des Neoliberalismus zur wissenschaftlichen Wahrheit.

Was Spieltheorie eigentlich genauer ist, scheint Schirrmacher nicht im Detail verstanden zu haben: Eine mathematisierte Scholastik des Homo Ökonomikus, des Menschen als wandelnde Registrierkasse aus der BWL. Ein Ökonom namens Herbert Simon bekam einst den Nobelpreis für die bahnbrechende Entdeckung, dass der Mensch außerdem auch noch ein soziales Wesen ist -der Rest der Sozialwissenschaften wusste dies freilich schon immer, wird jedoch nicht mit Nobelpreisen bedacht. So kreist eine bombastisch aufgeblähte Billigversion linker Kritikfiguren an Neuro-Bullshit-Biologisten, abzockenden Finanzokraten und der globalen Gestapo der Netzwelten um Schirrmachers „EGO“ -in seinem „Spiel des Lebens“. Fazit: Warum das alles geschieht, wer dafür verantwortlich ist und was man dagegen tun könnte -darüber weiß Schirrmacher angeblich nichts. Soll der von soviel Kritik aus seinem Rosa-Brille-Kapitalismus aufgeschreckte FAZ-Leser nicht weiter darüber nachdenken?  Schirrmachers Rat: Einfach nicht mehr mitspielen! Aha. Rückzug ins Private. Bloß nicht politisieren. Auf der konkreten Verhaltensebene gibt es also keinen Unterschied zwischen der ach so radikalen FAZ-Kapitalismuskritik und der üblichen FAZ-Propaganda für die neoliberalen Finanzmächtigen.

Fußnote

(1) Aus der akademischen Welt bezog Schirrmachers Buch jüngst mächtig Prügel von Clemens Knobloch, Professor für Linksgermanistik zu Wiesbaden. Knobloch sieht in seiner achtbaren Kritik Schirrmacher  als Angstmacher vor der “dämonischen Welt der Roboter”, verfällt jedoch in typisch deutsch-professorale Reflexe: Beim Reiz “RAND-Corporation” platzt die Reaktion “Verschwörungstheorie” aus Knobloch heraus und der Name “Foucault” wird mit dem Reflex “Feuilleton” quittiert. Beides spiegelt die hinterwäldlerische Haltung vieler Professoren hierzulande, die immer noch nicht mitbekommen haben, dass Machtstrukturanalyse (PSR) keine “Verschwörungstheorie” ist und Foucault längst als Klassiker des 20.Jahrhunderts kanonisiert wurde.

Quellen

Kees van der Pijl, Vordenker der Weltpolitik: Einführung in die internationale Politik aus ideengeschichtlicher Perspektive, Opladen 1996

Knobloch, Clemens, Schirrmachers >Ego<: Was wird hier mir uns gespielt?, Blätter 5/2013, 97-102

Anatol Rapoport 1966, Systemic and Strategic Conflict. What Happens When People Do Not Think –and When They Do, z.n. van der Pijl  1996, S.252.

Frank Schirrmacher, “EGO. Das Spiel des Lebens”, München 2013

2 Gedanken zu “Das verspielte EGO des Frank Schirrmacher

  1. Friede seiner Asche. Für einen strammen FAZ-Schreiber war er gar nicht so übel
    -vor allem, wenn man sich den Rest der Journaille ansieht, der inzwischen völlig herunter gekommen ist: Reine Hofnarren der Westoligarchen.

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