Tunis im Terror

Gerd R. Rueger TunisiaDemonstrants

Tunis. Nach dem Terrorangriff auf das Nationalmuseum stehen dem Land der Jasminrevolution kritische Zeiten bevor. Vor  touristischen Einrichtungen wurden weitere Einsatzkräfte stationiert, die Terrorismusbekämpfung ist in Alarmbereitschaft. Die Kulturministerin kündigt tapfer die Wiedereröffnung des Museums schon für diese Woche an. Nationale und islamische Kräfte in der Regierung streiten über Verantwortung. Wer schickte die drei Terroristen, deren Jüngster erst 17 Jahre alt war?

Nach dem Terrorangriff auf das Bardo Nationalmuseum am Mittwoch, bei dem 20 ausländische Touristen und drei Tunesier getötet wurden, stehen dem Land der Jasminrevolution kritische Zeiten bevor. Die Regierung von Habib Essid verstärkte nach dem Attentat die Sicherheitsvorkehrungen, vor Regierungsgebäuden und touristischen Einrichtungen wurden weitere Einsatzkräfte stationiert, die der Terrorismusbekämpfung in Alarmbereitschaft versetzt. Die Frage, die alle bewegt, aber die noch keiner beantworten kann: Wer steckte hinter dem Anschlag?

Präsident Béji Caïd Al-Sebsi

Kulturministerin Latifa Lakhdhar kündigte tapfer die Wiedereröffnung des Museums unter strengen Sicherheitsvorkehrungen schon für diese Woche an. Dennoch scheint fraglich, ob die tunesische Regierung der nationalen Einheit Bestand haben wird. Die der 2011 gestürzten Diktatur von Ben Ali nahestehende Partei Nidaa Tounes (Ruf Tunesiens) hatte die Parlamentswahl im Herbst vergangenen Jahres zwar gewonnen, sich jedoch zu einer Koalition mit der Ennahda-Partei durchgerungen. Tunesiens Präsident Béji Caïd Al-Sebsi, Mitbegründer von Nidaa Tounes, warf der Ennahda vor, in der Phase vor den jüngsten Wahlen nicht entschieden genug gegen den islamistischen Extremismus im Land vorgegangen zu sein. Damals hatte die islamistische Ennahda Regierung und Parlament dominiert und Islamisten hatten in der Gesellschaft Rückenwind verspürt.

Identität der Geiselnehmer bestätigt

Die Behörden bestätigten inzwischen die Identität der beiden Geiselnehmer, die sich nach ihrem Angrifftunisia-flag-svg auf vor dem Bardo-Museeum stehende Touristenbusse im Inneren des Museums verschanzt hatten und bei der Stürmung des Gebäudes durch Spezialeinheiten der Polizei getötet wurden. Die Attentäter Yassine Abidi und Hatem Khachnaoui seien tunesische Staatsbürger, in tunesischen Moscheen von radikalislamistischen Gruppen für den Krieg im Nachbarland Libyen rekrutiert und dort in Lagern des libyschen Ablegers der Terrormiliz »Islamischer Staat« (IS) ausgebildet worden.

Footage from security camera of three suspected gunmen, credit: Ministry of Interior

Dritter Attentäter? Die Amokläufer passieren ihn friedlich

Derzeit fahnden die Behörden immer noch nach einem möglichen dritten Attentäter, sichtbar auf einem Überwachungsvideo. Die beiden Amokschützen laufen friedlich an ihm vorbei. Ein Komplize? Ein alter Bekannter oder Freund, den sie verschonen wollten? Bislang seien laut Innenministerium mehr als zehn Verdächtige festgenommen worden, die direkt oder indirekt in den Anschlag verwickelt waren. In einem Interview hatte Al-Sebsi am Samstag Defizite eingeräumt. Polizei und Geheimdienste seien »nicht systematisch genug« vorgegangen, um die Sicherheit des Museums zu gewährleisten.

IS bekannte sich

Der IS bekannte sich am Donnerstag zu dem Anschlag -kann man das ernst nehmen? Tunesiens Regierungschef Habib Essid sagte, Abidi sei vom Geheimdienst nach seiner Rückkehr nach Tunesien überwacht worden. Aber konkrete Anhaltspunkte für eine von ihm ausgehende Gefahr habe es  nicht gegeben. Eine der größten in Tunesien und Libyen operierenden Terrorgruppen, Ansar Al-Scharia, hatte sich im Herbst dem IS angeschlossen. Die Gruppe sendete zuletzt jedoch widersprüchliche Signale bezüglich ihres Bündnisses mit der hauptsächlich im Irak und in Syrien wütenden Terrormiliz.

Bereits zwei Tage vor dem Anschlag war das tunesische Innenministerium am Montag gegen mehrere angebliche Terrorzellen im Land vorgegangen und hatten mindestens 22 Menschen verhaftet. Nach offiziellen Angaben seien zudem weitere zehn Tunesier bei dem Versuch festgesetzt worden nach Libyen auszureisen, um sich islamistischen Milizen anzuschließen. In einer Stellungnahme des Ministeriums hieß es, libysche Terrornetzwerke würden eng mit tunesischen Terroristen kooperieren und mehrere Ausbildungscamps in Libyen unterhalten. In den Medien kursieren erschreckende Angaben über die Anzahl der Tunesier, die sich dem IS angeschlossen haben sollen. Insgesamt 3.000 sollen es sein. Tunesische Behörden gehen aktuell von rund 500 Rückkehrern aus.

Tunisia Mutterland der Jasminrevolution

Bislang konzentrierten sich die Anschläge von Ansar Al-Scharia in Tunesien jedoch auf staatliche Einrichtungen im Süden des Landes. Anschläge auf Touristen sind für derartige Gruppen allerdings nicht neu, sie beabsichtigen damit, Regierungen politisch und wirtschaftlich zu destabilisieren und in der Folge ihre Rekrutierungsmöglichkeiten zu erweitern. Tunesien ist stark vom Tourismus abhängig, der mit rund zwölf Prozent zur Wirtschaftsleistung des Landes beiträgt. Zudem könnte der Konkurrenzkampf zwischen dem IS und dem Terrornetzwerk Al-Qaida bei dem Anschlag am Mittwoch eine Rolle gespielt haben. Nachdem er jüngst seinen Einfluss in Libyen gesteigert hat, kann der IS nun auch einen öffentlichkeitswirksamen Anschlag im Herzen Tunesien für sich verbuchen – und kommt damit seinem Ziel, Al-Qaida in Nordafrika den Rang abzulaufen, einen Schritt näher.

4 Gedanken zu “Tunis im Terror

  1. Bevor nicht jedes muslimische Kind mit Blut getauft wurde, geben diese Kreuzritter mit ihrer Mega-Kirche des Hl.Dollar wohl keine Ruhe?

  2. Der Terrorangriff in Tunis fand statt am Tag, nachdem der Präsident der „Regierung von Tobruk“, Aqila Saleh, Italien gewarnt hatte, „das Islamische Emirat kann von Libyen auf euer Land übergreifen“, und damit Druck auf Rom zur Intervention in Libyen machte. Minister Gentiloni antwortete prompt: „Wir werden unseren Part übernehmen“. Und der neue Stabschef General Danilo Errico versicherte: „wenn die Regierung grünes Licht gibt“ für eine Intervention in Libyen, dann „sind wir bereit“.
    Bereit also um an der Seite der „Nationalen Libyschen Armee“ zu kämpfen, dem bewaffeten Arm der „Regierung von Tobruk“ (nach einem Artikel in The New Yorker vom 23. Februar 2015) unter dem Kommando von General Khalifa, der „nachdem er zwei Jahrzehnte in Virginia (USA) gelebt und dort für die CIA gearbeitet hat, nach Tripolis zurückgekehrt ist, um den Krieg um die Beherrschung Libyens zu führen“.
    Wie bereits ausführlich dokumentiert, sind es die Vereinigten Staaten mit den größeren Nato-Verbündeten, die in 2011 in Libyen islamistische Gruppen finanziert, bewaffnet und ausgebildet haben, welche noch kurz zuvor als Terroristen betrachtet wurden und die ersten Kerngruppen des späteren Islamischen Staates umfassten. Sie wurden durch dieselben Nato-Alliierten durch ein (nach Recherchen der New York Times) von der CIA aufgebautes Netzwerk mit Waffen ausgestattet und – nachdem sie zum Umsturz Gaddafis beigetragen hatten – weitergeschickt nach Syrien, um Assad zu stürzen. Darüber hinaus sind es die Vereinigten Staaten und die Nato, die die Offensive des Islamischen Staates im Irak gefördert haben – just in dem Augenblick, als die Regierung von Maliki sich von Washington entfernte und sich Peking und Moskau annäherte. Der Islamische Staat hat so für die Strategie der Vereinigten Staaten und der Nato faktisch die Funktion der Zerstörung der Staaten durch geheime Kriege übernommen. Manlio Dinucci (VoltaireNet) http://www.voltairenet.org/article187132.html

    • Gute Quelle, da heißt es auch weiter:
      …Verschiedene Faktoren machten Libyen interessant für die Vereinigten Staaten und für Europa: die Erdöl-Vorräte – es sind die größten Afrikas, wertvoll aufgrund hoher Qualität und geringer Förderkosten – und die Erdgasvorkommen, die unter der Kontrolle des libyschen Staates geblieben sind, der ausländischen Gesellschaften nur geringe Gewinnspannen gewährt; die Staatsfonds in Höhe von ungeführ 200 Milliarden Dollar (seit der Beschlagnahmung verschwunden), die der libysche Staat im Ausland investiert hatte und die es in Afrika möglich machten, erste autonome Finanzinstitute der Afrikanischen Union einzurichten; schließlich die geografische Lage Libyens selbst am Schnittpunkt des Mittelmeerraums, Afrikas und des „Nahen Ostens“.
      http://www.voltairenet.org/article187132.html

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