Altvater: Kapitalozän und Geoengineering

Elmar Altvater 2007

Elmar Altvater (Teil 4/4)

Das Bibelwort, dass die Menschen sich die Erde »untertan« machen, gibt es seit Tausenden von Jahren. Seine Realisierung aber ist sehr jungen Datums – verwirklicht wurde es erst, als die kapitalistische Form der Vergesellschaftung die Herrschaft des Anthropos über die Natur des Planeten besiegelte: die ökonomischen Gesetze und Sachzwänge, die Rationalität, also Wissenschaft und Technik, das Profitprinzip, die Motivstruktur der wichtigen Akteure.

Das Siegel trägt die Imprimatur der Industrialisierung unter Nutzung der fossilen Energieträger, die von der »Kohlenstoffbefreiungsfront« (Wark 2017) zur breitesten Nutzung verfügbar gemacht worden sind. Das Anthropozän ist also, wenn man Implikationen – die Ursprünge ebenso wie die Begleiterscheinungen und Folgen – bedenkt, das Erdzeitalter des Kapitals, das Kapitalozän.

Geoengineering und planetary stewardship

Doch genau dies ist ins Dunkel gerückt, und im Begriff des Anthropozän wird suggeriert, Menschen könnten mit ihren technischen Kompetenzen des Geoengineering und der planetary stewardship das von ihnen angerichtete planetarische Unheil beheben, die metabolische Kluft wieder überbrücken. Daher ist es kein Zufall, dass der Auslöser der Debatte um das Anthropozän, Paul Crutzen, sich für Geoengineering, also für technische Lösungen der Klimakrise, stark macht, so als ob die kapitalistische Gesellschaftsformation, deren Konflikte und Krisen für die Zukunft von Mensch und Gesellschaft auf dem Planeten unerheblich seien (Crutzen 2009; auch Steffen/Persson et al. 2011). Es ist sinnvoll, an den Doppelcharakter allen Agierens in Natur und Gesellschaft zu erinnern und die Romantik von Technikkritik ohne Kapitalismuskritik hinter sich zu lassen.

Technische Lösungen des metabolischen Bruchs durch Maßnahmen des Geoengineering sind mit der Interessenstruktur, den Machtverhältnissen, der Rationalität der kapitalistischen Produktionsweise vollkommen kompatibel. Da braucht der ›stillgestellte‹ Klassenkampf zur Verteidigung der Natur nicht angefacht zu werden. Im Gegenteil werden neue Kapitalanlagen in planetarischen Größenordnungen rentabel, wenn die mächtigen Staaten dieser Erde die politischen Rahmenbedingungen entsprechend setzen. Große global aufgestellte Unternehmen können die Aufgaben des Geoengineering übernehmen, kleinere Unternehmen wären dazu sowieso nicht in der Lage, und die Mehrheit der Menschheit wäre wie alle anderen Lebewesen auch nur Objekt ingenieursmäßiger Bearbeitung der durch den Menschen in kapitalistischen Verhältnissen erzeugten Krisen. Die Naturverhältnisse werden technisch bearbeitet, die Gesellschaft bleibt mit ihren Produktions- und Herrschaftsverhältnissen, mit ihren Geschlechterbeziehungen und Lebensweisen, wie sie ist.

Die Zaubermeister, die den wütenden Besen der Krise von Wert und Natur, von Klima und Finanzen ruhigstellen können, sind bereit. Die Sonne könnte mit der Hilfe des Solar Radiation Management (SRM) verdunkelt werden, Kohlendioxyd könnte wieder aus der Atmosphäre entfernt werden (Carbon Dioxid Removal – CDR), weil sonst die Erde zu warm würde. Handreichungen dazu finden wir bei der American Army oder der Bundeswehr (zum Thema Geoengineering vgl. Planungsamt der Bundeswehr 2012). Die Konzentration ökonomischer Macht könnte fortgesetzt werden. Auch das Militär der großen Mächte könnte ins Spiel kommen, denn die Projekte des Geoengineering sind double-use-projects, die auch militärisch eingesetzt werden können.

Mehr Sinn freilich würde es machen, die Zukunft der Menschheit nicht der technischen Manipulation zu überlassen, sondern die Gesellschaft zu verändern, sich aus dem Strudel von Kapitalverwertung, Wachstum und Machtkonzentration zu befreien, der Alternative des »guten Lebens« zu folgen und die metabolischen Brüche zu vermeiden und zu heilen. Es ist daran zu erinnern, dass es in der gesamten Geschichte des modernen Kapitalismus zwei Linien der sozialen Entwicklung gegeben hat. Auf der einen Linie waren und sind die großen Kapitale und ihre Personifikationen von Rockefeller bis Trump mit ihren wissenschaftlichen Beraterstäben und Medienleuten unterwegs, immer Richtung Kapitalozän. In dem Koordinatensystem ihres Denkens ist nur noch Raum für Geoengineering als planetary stewardship. Diese aber kann sich nur auf die Technik von Stoff- und Energietransformationen beziehen und diese zu modifizieren versuchen.

Doch werden die »planetarischen Steuermänner« nicht umhinkönnen zu lernen, dass auch im Kapitalozän die Krisen technisch mithilfe des Geoengineering nicht zu bewältigen sind. Die dritte Sichtweise auf das planetarische Mensch-Natur-Verhältnis bietet daher tatsächlich Anlass für eine »melancholische Lähmung« (Wark 2017, 19). Dagegen können vielleicht Alternativen wirksam sein, die E.P. Thompson (1980) erwähnt: die Initiativen der moralischen, der solidarischen Ökonomie, die Genossenschaften, die selbstverwalteten Gemeingüter, auch lokale indigene Wirtschaftsformen, die nicht nur durch den Markt, sondern gemeinschaftlich und durch Wirtschaftsplanung reguliert werden.

Diese Alternativen hat es im Verlauf der jahrhundertelangen Geschichte des Kapitalismus immer und in einer Vielfalt von Formen gegeben. Sie sind möglicherweise trotz (oder wegen) ihres utopischen Überhangs realistischer als die realpolitischen Lösungen. Es sind dies Wege, auf denen die Dominanz des Kapitalismus zurückgedrängt und möglicherweise überwunden werden kann. Es steht nichts weniger als die Transformation des Gesamtzusammenhangs von Natur und Gesellschaft des Planeten Erde auf der Agenda. Es hat »Tausende von Jahrhunderten« gedauert, in denen sich die »Herrschaft des Menschen über die Natur« durchsetzte, so Marx (1867, 533ff), bis sich Anthropozän und Kapitalozän herausbildeten. Auch die Transformation wird lange dauern, aber die Perspektive der Überwindung der Krise der Gesellschaftsformation und der Erdformation, von Ökonomie, Gesellschaft und Ökologie muss von Anfang an alles Handeln orientieren.

Quelle RLS

Elmar Altvater ist Politologe und war bis zu seiner Emeritierung Professor für Politikwissenschaft am Otto-Suhr-Institut der FU-Berlin. Er gilt als renommierter Kritiker der politischen Ökonomie und ist Autor zahlreicher wachstums- und kapitalismuskritischer Schriften, (Auswahl):

               

Literatur

  • Altvater, Elmar, 2005: Das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen. Eine radikale Kapitalismuskritik, Münster
  • Ders., 2015: Engels neu entdecken. Das hellblaue Bändchen zur Einführung in die »Dialektik der Natur« und die Kritik von Akkumulation und Wachstum, Hamburg
  • Crutzen, Paul, 2002: Geology of mankind, in: Nature 415,
  • 3.1.2002, www.nature.com/articles/415023a
  • Ecología Política, 2017: Themenheft: El Antropoceno, Ecología Política 53, Barcelona, www.ecologiapolitica.info/?product=53-antropoceno
  • Engels, Friedrich, 1878: Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft (»Anti-Dühring« ), MEW 20, Berlin, 1968, 1–303
  • Ders., 1883: Dialektik der Natur, MEW 20, Berlin 1970, 305ff
  • Ders., 1893: Brief an George William Lamplugh vom 11.4.1893, MEW 39, Berlin 1984, 63
  • Foster, John Bellamy, 2000: Marx’s Ecology. Materialism and Nature, New York
  • Georgescu-Roegen, Nicholas, 1971: The Entropy Law and the Economic Process, Cambridge/London
  • Hobsbawm, Eric, 1995: Das Zeitalter der Extreme, Welt­geschichte des 20. Jahrhunderts, München/Wien
  • Kolbert, Elizabeth, 2015: Das sechste Sterben. Wie der Mensch Naturgeschichte schreibt, Berlin
  • Marx, Karl, 1846: Brief an P. W. Annenkow, MEW 1, Berlin 1956, 547–557
  • Ders., 1867: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie,
  • Bd. 1, MEW 23, Berlin 1970
  • Ders., 1894: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie,
  • Bd. 3, MEW 25, Berlin 1964
  • Marx, Karl/Engels, Friedrich, 1969: Die deutsche Ideologie, MEW 3, Berlin
  • Moore, Jason W. (Hg.), 2016: Anthropocene or Capitalocene. Nature, History and the Crisis of Capitalism, Oakland
  • Muris, Oswald/Saarmann, Gert, 1961: Der Globus im Wandel der Zeiten. Eine Geschichte der Globen, Berlin/Beutelsbach bei Stuttgart
  • Planungsamt der Bundeswehr, 2012: Future Topic Geoengineering, Berlin
  • Wark, McKenzie, 2017: Molekulares Rot. Theorie für das
    Anthropozän, Berlin

 

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Altvater: Das gesellschaftliche Naturverhältnis im Kapitalozän

Altvater 2007

Elmar Altvater (Teil 3/4)

Zu den drei Weisen der Gestaltung des gesellschaftlichen Naturverhältnisses im Kapitalozän: Menschen haben die Freiheit zur Geschichte und sie können die Möglichkeit der Gestaltung des gesellschaftlichen Naturverhältnisses erst wahrnehmen und sich als schöpferische Wesen entfalten, wenn die Produktivität der Arbeit groß genug ist, um mehr als den bloßen Erhalt menschlichen Lebens zuzulassen.

Im »Anti-Dühring« schreibt Friedrich Engels: »Alle Entwicklung der menschlichen Gesellschaft über die Stufe tierischer Wildheit hinaus fängt an von dem Tage, wo die Arbeit der Familie mehr Produkte schuf, als zu ihrem Unterhalt notwendig war« (Engels 1878, 180). Der Reichtum der anorganischen und organischen Natur muss groß genug sein, um die gesellschaftliche Arbeitsteilung zur Differenzierung ökonomischer, politischer, kultureller, intellektueller Tätigkeiten möglich werden zu lassen. Dann erst beginnt die Gesellschaftsgeschichte, die in der sehr langen Frist, die über die »longue durée« von Fernand Braudel hinausreicht und sich auch in der Naturgeschichte manifestiert.

»Was ist die Gesellschaft, welches immer auch ihre Form sei?«, fragt Marx in einem Brief an Pawel W. Annenkow vom 28. Dezember 1846 (Marx 1846, 548). Er gibt darauf sogleich eine Antwort, die einerseits an die Ausführungen über den Überschuss anknüpft, andererseits aber – so würden wir heute urteilen – in ›gramscianischem‹ Geist darüber hinausgeht. »Setzen Sie« , so schreibt er in diesem Brief, »einen bestimmten Entwicklungsstand der Produktivkräfte der Menschen voraus, und Sie erhalten eine bestimmte Form des Verkehrs (commerce) und der Konsumtion« (ebd.). Dem entspreche eine bestimmte Struktur von Klassen, Familien, Ständen, also eine bestimmte Gesellschaft société civile. »Setzen Sie eine solche Gesellschaft voraus, und Sie erhalten eine entsprechende politische Ordnung (état politique)« (ebd.). Marx hat also anders, als es ihm heute manchmal vorgeworfen wird, keineswegs die politische Dimension gesellschaftlicher Reproduktion vernachlässigt, ebenso wenig wie die Ökonomie, hier als commerce bezeichnet. Er hat Gramscis Dreigestirn hegemonialer Praxis in Ökonomie, Gesellschaft und Politik vorweggenommen und dieses auf eine solide Grundlage gestellt: einen Mindeststand der Produktivkräfte bei der Bearbeitung der Natur durch die in bestimmter historischer Form, nämlich kapitalistisch, vergesellschafteten Menschen.

Der »bestimmte Entwicklungsstand der Produktivkräfte« (ebd.) ist »Produkt früherer Tätigkeit« von vorangegangenen Generationen. Jede neue Generation findet die bereits produzierten Produktivkräfte vor und entwickelt sie weiter. Also hat die historische Entwicklung der Produktivkräfte kumulativen Charakter, folgt einer Tendenz der Höherentwicklung, auch wenn manches Wissen über Produktivkräfte im Zeitverlauf verloren geht und der »moralische Verschleiß« bei der Anwendung der Produktivkräfte – und nicht zuletzt auch die zyklischen Bewegungen von Konjunkturen und Krisen – von Bedeutung für die historischen Bewegungsformen der Widersprüche der Gesellschaft sind.

Dies zeigt sich an den Umschlagspunkten der zyklischen Entwicklung der Produktivkräfte. Sie können zu Destruktivkräften werden, der Fortschritt sich in Rückschritt verwandeln. Die Artefakte des guten Lebens türmen sich zu Trümmerbergen. Menschen verhalten sich so borniert gegenüber der Natur, wie sie sich borniert gegen andere Menschen verhalten, schreiben Marx und Engels in der »deutschen Ideologie« (1845). Das bornierte Verkennen des qualitativen Umschlags fällt auf und besonders ins Gewicht, weil – wie Friedrich Engels in der »Dialektik der Natur« hervorhebt –

»nur der Mensch […] es fertiggebracht [hat], der Natur seinen Stempel aufzudrücken, indem er nicht nur Pflanzen und Tiere versetzte, sondern auch […] das Klima seines Wohnorts, ja die Pflanzen und Tiere selbst so veränderte, dass die Folgen seiner Tätigkeit nur mit dem allgemeinen Absterben des Erdballs verschwinden können.« (Engels 1878, 322f)

Das wäre ein »Marker«, ein einzigartiges Merkzeichen, nach dem Geologen Ausschau halten. Das historisch bestimmte Verhältnis von Mensch, Gesellschaft und Natur charakterisiert also ein Erdzeitalter, nicht allein die Veränderungen der Sedimente in der Erdkruste. Dass dies nicht unwichtig ist, zeigt sich, wenn der Umgang der Menschen in historischer Gesellschaftsformation mit den Problemen, die sich aus den metabolischen Brüchen ergeben, zur Diskussion steht. Im Prinzip können drei Praktiken des Umgangs mit metabolischen Brüchen unterschieden werden.

Die Naturgeschichte des Planeten, so scheint es zunächst, befindet sich außerhalb des Kreises der menschlichen Verantwortung, anders als die Geschichte von Menschen und Gesellschaft. Die Natur war und ist mit ihren Gewalten übermächtig und lässt sich von Menschen nicht von ihrem Evolutionspfad durch Kalt- und Warmphasen, Eiszeiten und Warmzeiten hindurch oder von Kontinentalverschiebungen, evolutionären Sprüngen und Katastrophen abbringen. Die Naturgeschichte kann von Menschen nur beobachtet und ­eingeordnet, nicht aber beeinflusst und gestaltet werden.

Aus einer anderen Sichtweise auf das gesellschaftliche Naturverhältnis in planetarischen Dimensionen wird der Planet als lebendig, als Mutter Erde, als Gaia verstanden. Alles hängt mit allem zusammen, wie schon die heraklitische Philosophie lehrte. Die lebendige und die nichtlebendige Natur bilden eine Einheit und der Mensch ist darin integriert. Friedrich Engels knüpft mit seinem von Hegel geimpften Begriff des »dialektischen Gesamtzusammenhangs« daran an, wenn er seiner Bewunderung für die altgriechische Philosophie Ausdruck verleiht (Engels 1878, 314ff). Nur als organische Einheit ist homöostatische, eine sich immer wieder selbst korrigierende Entwicklung von lebendiger und nichtlebendiger Natur des Planeten überhaupt vorstellbar.

Doch neben diesen beiden Vorstellungen einer getrennten, voneinander unabhängigen Natur- und Menschengeschichte und einer organischen Einheit der Sphären des Planeten Erde und daher der Natur-, Gesellschafts- und Menschengeschichte gerät eine dritte Vision ins Blickfeld: Der Mensch hat nicht nur seine eigene, sondern auch die Entwicklungsgeschichte der Natur des Planeten Erde sicht- und messbar beeinflusst. Der Name Anthropozän gibt der Gestaltungskraft und dem Herrschaftsanspruch des Menschen über die Erde Ausdruck. Dieser ist in den Jahrhunderten seit der Herausbildung des industriell-fossilen Kapitalismus, also seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, in planetarischer Größenordnung umgesetzt worden.

 

Quelle RLS (to be continued)

Elmar Altvater ist Politologe und war bis zu seiner Emeritierung Professor für Politikwissenschaft am Otto-Suhr-Institut der FU-Berlin. Er gilt als renommierter Kritiker der politischen Ökonomie und ist Autor zahlreicher wachstums- und kapitalismuskritischer Schriften, (Auswahl):