Die Reichsbürger -Putins geheime Armee?

Manuel Meyer BND_Logo

Am 21.Oktober starb ein durch einen „Reichsbürger“ angeschossener Polizist. Seither gelten die zuvor von vielen als Spinner verlachten Reichsbürger als gefährlich. Zu „Putins geheimer Armee“ wollte diese „Spinner“ das Enthüllungsmagazin FOCUS mit Schützenhilfe von BILD erklären. Ergibt das Sinn, weil man in solchen Leitmedien Putin als neoimperialistischen Spinner eines neuen Zarenreiches hinstellt? Oder ist es Ausdruck einer Mainstream-Leitkultur des in sich geschlossenen Unsinns?

Am 21.Oktober starb ein durch einen „Reichsbürger“ bei einer Razzia im mittelfränkischen Georgensgmünd lebensgefährlich verletzter SEK-Polizist. Seither gelten die zuvor von vielen als „Spinner“ verlachten Reichsbürger als „gefährliche Spinner“. Zu Putins geheimer Armee wollte das bemerkenswert erfolglose Enthüllungsmagazin „Focus“ sie mit Schützenhilfe von BILD erklären. Ergibt das Sinn, weil man in solchen Leitmedien Putin als neoimperialistischen Spinner eines neuen Zarenreiches hinstellt? Oder ist es Ausdruck einer Mainstream-Leitkultur des in sich geschlossenen Unsinns?

Der 32jährige SEK-Beamte war bei seinem Versuch, dessen Wohnhaus zu stürmen, von dem 49-jährigen „Reichsbürger“ Wolfgang P. angeschossen worden. Ein weiterer Beamter wurde bei dem Einsatz in einem Einfamilienhaus in Georgensgmünd in Mittelfranken schwer und zwei Polizisten leicht verletzt. Der mutmaßliche Täter, war Betreiber einer Kampfsportschule, Jäger und Sportschütze und „Fachtrainer für Gewaltprävention“ (aber wohl kein großes Talent in diesem Beruf). Er besaß über 30 Lang- und Kurzwaffen, wurde aber nach seiner  Radikalisierung zum „Reichsbürger“ von den Behörden als nicht mehr zuverlässig eingestuft. Deshalb sollten ihm in der zur Schießerei entgleisten SEK-Operation seine Waffen entzogen werden.

Offenbar hatten die Behörden die Militanz der radikalen Weltsicht von Wolfgang P. unterschätzt. Kurz nachdem sie ins Haus eingedrungen waren, begann der Sportschütze durch eine Tür aus dem ersten Stock herunter zu schießen, ein Polizist wurde lebensgefährlich verletzt, er wurde dreimal getroffen. Einem weiteren Polizisten durchschoss P. den Oberarm, zwei Polizisten wurden durch Glassplitter verletzt. P. selbst blieb unverletzt. Er hatte sich eine schusssichere Weste übergezogen. P. war kein Unbekannter im Milieu der Reichsbürger, aber auch kein Wortführer. Ein einsamer Wolf also? Das bleibt unklar. Offenbar hatte P. In den vergangenen Monaten Gleichgesinnte gefunden. Inwieweit diese in seine mutmaßlichen Pläne zur Verteidigung „seines“ Staates eingeweiht waren, müssen die anstehenden Ermittlungen zeigen.

Reichsbürger misstrauen den Geschichtsbüchern

Verlogene Historiker, die etwa in Westdeutschland jahrzehntelang dafür sorgten, den Reichstagsbrand wahrheitswidrig einem „Verrückten und Einzeltäter“ in die Schuhe zu schieben sind nicht ganz unschuldig daran (ebenso Massenmedien, die dies nie hinterfragten und Schulbehörden, die dies zum Lehrplan machten): „Reichsbürger“ erkennen die Bundesrepublik nicht an. Stattdessen behaupten sie, das Deutsche Reich bestehe bis heute fort. Sie sprechen dem Grundgesetz, Behörden und Gerichten die Legitimität ab und akzeptieren keine amtlichen Bescheide. Etliche Akteure sind nach Einschätzung von Verfassungsschützern auch in der rechtsextremen Szene aktiv. Wolfgang P. aus dem südlich von Nürnberg liegenden Georgensgmünd schien sich erst in den letzten Monaten sehr stark radikalisiert zu haben, so publizierte er auf seinem Facebook-Profil im Januar eine Art Bekenntnis „unter Eid“, in dem er sich als „Reichsbürger“ zu erkennen gibt.

Laut SPIEGEL hat sich der Reichsbürger P. „in Verschwörungstheorien verrannt“ (der SPIEGEL förderte nach Kräften die offenkundig falsche Einzeltäter-Verschwörungstheorie zum Reichstagsbrand 1933):

Wer sich die Facebook-Seite von Wolfgang P. ansieht, bekommt den Eindruck eines Mannes, der sich in Verschwörungstheorien verrannt hat. Er teilt Beiträge, in der Haus- und Grundstückseigentümer davor gewarnt werden, dass am 1. Januar 2017 „die Bodenrechte für Deutschland“ auslaufen würden („die EU wird Euch Eure Häuser wegnehmen“). Er teilt ein Foto der Nürnberger Prozesse, in das die Gesichter von Angela Merkel, Sigmar Gabriel und Joachim Gauck hineinmontiert wurden, Überschrift: „Schuldig – hängen!“ Scrollt man durch die Seite, tritt man ein in eine Blase, in der Muslime das Abendland bedrohen, das Finanzsystem kurz davor ist, die Welt in den Abgrund zu kollabieren, Behörden nur daran arbeiten, die Bürger zu schröpfen, Medien lügen, westliche Regierungen auf den dritten Weltkrieg gegen Russland drängen. Der einzige Mächtige, der hier des Bösen unverdächtig ist: Wladimir Putin. SpiOn

Hinter den Reichsbürgern steckt also Putin! Diese Theorie kennt man aus BILD und Focus: Boris Reitschuster, von 1999 bis Anfang 2015 Leiter des Moskauer Focus-Büros, ist Experte darin, den russischen Präsidenten Putin zu dämonisieren und Angst und Schrecken vor Putins Russland zu verbreiten. Darüber hat er schon mehrere Bücher verfasst. Um sein neues Buch „Putins verdeckter Krieg“ anzupreisen, verbreitete er „Erkenntnisse“ nicht nur über russische Propaganda, Internet-Trolle oder „russische Aggression“. Im Zentrum steht ein angebliches Schläfer-Netzwerk von Putin-Kämpfern, das weltweit bereitsteht und sich auf den Einsatz nicht in Terroristencamps vorbereitet, sondern in Systema-Kampfschulen (der Reichsbürger P. besaß etwa so eine?).

Europa wird, so Focus-Mann Boris (?!) Reitschuster, von Putin unterwandert. Er baue eine neue „Internationale“ der Anti-Demokraten auf und habe ein Netzwerk zu links- und rechtsextremen Gruppen geknüpft. Die Bild-Zeitung schließt sich -wenig überraschend- gerne an: „Es ist der Albtraum jeder Regierung: feindliche Kämpfer als Schläfer im eigenen Land. Saboteure, Provokateure, die auf den Einsatzbefehl warten. Für Deutschland nur Fiktion? NEIN: WIRKLICHKEIT!“ Auch der Focus übernimmt mit der Überschrift „Putins geheime Armee in Deutschland“ die Panikmache des „Putin-Experten“. Dass Putin „eine Art Untergrund-Truppe in Deutschland und anderen Staaten im Westen aufgebaut“ hat, sollen die Recherchen von Reitschuster und Informationen von Bild selbst belegen, eine Studie eines nicht näher genannten „europäischen Geheimdienstes“. Auch dort will man ein „Elite-Kämpfer-Netzwerk“ ausgemacht haben, auf das Putin, der selbst Kampfsport betreibt, „direkt Zugriff“ haben soll.

Reichsbürger, Kosaken und russische Rocker

Allein in Deutschland hätten westliche Geheimdienste 300 Männer identifiziert, die dieser „Kampftruppe im Feindesland“ angehören sollen. Zu ihnen sollen Soldaten, Polizisten, auch Angehörige der GSG 9 oder der KSK gehören. Sonderlich gefährlich kann es nicht sein, wenn diese alle nach dem Putin-Experten von den Geheimdiensten identifiziert wurden, aber brav weiterhin in den Sondereinheiten ihren Dienst schieben sollen.

Verbunden seien sie mit Kosaken-Vereinen und den russischen Nachtwölfe-Rockern. Und die Systema-Gruppen würden auch „regelrechte Manöver im Schweizer Hochgebirge“ abhalten und über Grenzen hinweg agieren. Alles unbehelligt von den Sicherheitsbehörden der Länder, zumal die Systema-Putinkämpfer auch noch „regelmäßig“ nach Russland zur Weiterbildung reisen dürfen. Vermixt werden von Bild diese Mitglieder der „Kreml-Gruppen“, die ganz nach Terrorzellen aussehen, mit prorussischen Bewegungen hierzulande. Sie hätten die Reichsbürger-Bewegung, Pegida und deren Ablegern unterwandert und wären auch an den „gezielten Desinformations-Kampagnen unter Russland-Deutschen“ beteiligt, so mokiert sich Telepolis über die Focus-Konkurrenz.

Dort ist man andererseits doch besorgt, denn in Berlin nutzen Rechtsextreme, Reichsbürger und braune Esoteriker den 8. Mai als Tag der Befreiung vom Hitlerfaschismus, der an die grausamen Folgen von Nationalismus und Faschismus erinnern soll, für ihre eigenen Zwecke. Auf zahlreichen Demonstrationen stellen sie ihr völkisches Weltbild zur Schau – welches sie selbst als antifaschistisch verbrämen, so Telepolis. Unterstützung erhielten die Extremisten von den Nachtwölfen aus Russland. Dasselbe Spiel sah man schon im letzten Jahr bei Gedenktagen: „Wie schon am 3. Oktober diesen Jahres, dem Tag der deutschen Einheit, demonstrierten sie auch am 9. November, Tag des Mauerfalls und dem Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, auf dem Platz zwischen Reichstag und Bundeskanzleramt.“ Wer? Reichsbürger, Hooligans und rechte Verschwörungstheoretiker, Telepolis 2014. War auch Reichsbürger Wolfgang P. ein Teil dieser Pegida-Unterwanderer?

Immerhin hieß es zu Wolfgang P., auf seinem Facebook-Profil ließe sich nachverfolgen, wie er tiefer und tiefer in die „Reichsbürger“-Bewegung und in eine wahnhafte Welt abdriftete. Nur einen Tag vor den Schüssen auf die Polizisten teilte er einen „Weckruf an die Bevölkerung“, in dem die Menschen aufgefordert werden, eine Initiative zu unterstützen, um „die Eroberungsfeldzüge der USA in unserer europäischen Nachbarschaft zu beenden“. Denn „während sich ganz Deutschland aufgrund der Flüchtlingskrise im Ausnahmezustand befindet, bereitet man sich im Geheimen auf einen neuen Weltkrieg vor“, so der Blogger Patrick Gensing:

Das Facebook-Profil von P. wird dominiert von Beiträgen, die er von verschwörungstheoretischen und rechtsextremen Seiten übernimmt. Am 16. Oktober teilte er eine Bild-Collage, die Kanzlerin Merkel, Bundespräsident Gauck und mehrere Bundesminister auf der Anklagebank der Nürnberger Prozesse zeigt. Ein Motiv, das in der neuen reaktionären Kampfgemeinschaft quasi ein Klassiker ist. Die Botschaft ist klar: Die Spitzenpolitiker seien die neuen Nazis, man selbst im Widerstand, bei dem alle Mittel zulässig seien.

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