Fifty-Shades-Leak: Anonymous hackt Constantin

Gerd R. Rueger 09.03.2013

Vergeltung für Polizei-Attacke auf Drei.bz? Durch einen Hack drangen in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag dieser Woche Hacktivisten von Anonymous und Team Medusa in Computer von Constantin Film ein. “Brisante” Infos zum SM-Hausfrauenporno “50 Shades of Grey” wurden geleakt. Hintergrund waren netzpolitische Gefechte um das Urheberrecht, konkret: die Schließung einer Filmtausch-Website durch die Staatsanwaltschaft Paderborn. Anonymous empfahl: „Fuck the Contentmafia!“

Durch einen offenbar nicht allzu komplizierten Hack drangen in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag den 07.03.2013 Haktivisten von Anonymous und Team M3du5a (Medusa) in das Firmennetzwerk von Constantin Film ein. Die Filmrechte- und Filmproduktions-Firma macht derzeit mit dem Kampusch-Reißer „3096 Tage“ Schlagzeilen. Constantin Film hat eine bewegte Geschichte hinter sich, gehörte einst zum Bertelsmann-Konzern, dann dessen Konkurrenten Leo Kirch und heute der Schweizer „Highlight Communications AG“.

50 Shades of Chicken: Satire auf den Hausfrauenporno von Sadomaso mit dem Millionär

Bei dem Hack handelte es sich anscheinend um eine Vergeltungsaktion für die Abschaltung der Warez-Seite drei.bz, an der auch die Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen (GVU) beteiligt war. Am 26. 02.2013 war die Staatsanwaltschaft Paderborn mit einer Durchsuchungsaktion gegen den mutmaßlichen Betreiber der illegalen Portale „Drei.bz“ sowie „Freedownloadz V2“ vorgegangen. Beamte der Kripo Flensburg zogen in einem örtlichen Rechenzentrum Sicherungskopien der Websites. Das illegale Portal „Drei.bz“ wurde abgeschaltet. Die Kripo Bielefeld konfiszierte in den Privaträumen des Beschuldigten im Kreis Höxter die vollständigen Datenbanken des Portals „Drei.bz“ sowie schriftliche Unterlagen, es hieß: „Der Beschuldigte war geständig.“

Fuck the Contentmafia

anondisplayAuf anonpaste.me hieß es: „Fuck the Copyright Lobby and Contentmafia„. Die Passwörter für Film- und Budgetdatenbank ließen nicht auf eine besondere Netzsicherheit der Filmindustrie schließen, sie waren angeblich beleidigend einfach gewählt: Das beliebte „1234“ und wenig einfallsreiche Wörter wie „constantin“ und „constantinfilm“ sollen dabei gewesen sein (nicht, das raffiniertere Passwörter viel geholfen hätten).

Emma Watson in 50 Shades of Grey?

Angelina Jolie, Shades of Grey Favoritin vieler Fans

In der Liste finden sich auch Benutzernamen sowie die dazu gehörigen Passworthashes, so gulli.com. Die Konkurrenz von ConstantinFilm dürfte aber eine Liste mit Filmen mehr interessieren, die für die nähere Zukunft geplant sind -es gab Details zu Besetzung, Handlung und Budgets von um die 180 Filmprojekten. Für die Verfilmung des Bestsellers „50 Shades of Grey“ soll etwa Emma Watson im Gespräch sein, obwohl sie eine Rolle in dem berühmten SM-Hausfrauenporno noch 2012 abgelehnt haben soll.

Weniger attraktiv: Cumberbatch, Brühl

Netzpolitik.org bezeichnet die Liste als „digitalen Einkaufszettel  -wohl für  cineastische Shareworker im Netz. Vergesst aber nicht, ab und zu mal ins Kino zu gehen, das hat doch viel mehr Stil und Atmosphäre.  Constantin Film arbeitet auch am WikiLeaks-Film THE FIFTH ESTATE mit Sherlock-Darsteller  Benedict Cumberbatch als Julian Assange und dem deutschen Sternchen Daniel Brühl als deutschem CCC-Hacker Domscheit-Berg (warum müssen eigentlich immer Deutsche den deutschen Zwielichtigen spielen?). Constantin will den vermutlich recht mainstreamig-reaktionären Film Ende 2013/Anfang 2014 in die deutschen Kinos bringen.

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Umweltkriminelle geleakt: Giftmüll in Westafrika

Gerd R. Rueger 28.Oktober 2010

Im Visier von WikiLeaks befinden sich auch Umweltkriminelle. Geleakt wurden niederländisch-britische Geschäftsleute, die Giftmüll in der Elfenbeinküste abgeladen und dort lebende Menschen damit in Krankheit und Tod getrieben haben.

Die Elfenbeinküste oder Cote d’Ivoire ist als westafrikanischer Staat der französischen Einflusszone zuzurechnen. Das arme Kakao- und Petrochemieland ist etwa so groß wie Deutschland, mit 20 Millionen Einwohnern, von denen vier Millionen in der größten Stadt Abidjan leben. Das von Bürgerkrieg und Hungerrevolten verwüstete Land erschien einer Ölfirma offenbar als gute Giftmülldeponie, zumal die Cote d’Ivoire Rohöl aus Nigeria weiterverarbeitet und daher ohnehin oft von Tankern angelaufen wird. Die landeseigenen Chemieanlagen (die wohl unter Kontrolle von ausländischen Konsortien stehen dürften) könnten den Kriminellen auch als gute Tarnung bei später möglichen Giftfunden erschienen sein.

Trafigura Beheer ist ein seit 1993 international tätiges niederländisches Handelsunternehmen, welches hauptsächlich Geschäfte mit Erdölprodukten, Nichteisenmetallen, Erzen und Konzentraten für die Industrie macht. Im globalen Handel mit Nichteisenmetallen ist Trafigura zweit-, im Handel mit Erdöl drittgrößtes Unternehmen mit einem Umsatz von an die 50 Milliarden Dollar 2009 bei weniger als 2000 Mitarbeitern in etwa 40 Ländern. Hauptstandorte des gewaltigen Rohstoffdealers sind Amsterdam, sowie die Steueroasen London und Luzern (Schweiz).

2006 transportierte ein Schiff stark ätzenden Giftmüll in die Elfenbeinküste, um ihn dort zu abzuladen, über Einhunderttausend Einwohner brauchten ärztliche Behandlung, Dutzende sind qualvoll an den Folgen gestorben. Ab 2009 gab es Medienberichte, Trafigura hätte rund 31.000 Bürgern der Elfenbeinküste eine außergerichtliche Einigung angeboten, falls sie ihre Klage zurückziehen.

Im Februar 2007 hatte sich Trafigura mit der Regierung der Elfenbeinküste auf die Zahlung von 150 Millionen Euro als Wiedergutmachung geeinigt, jedoch ohne Verantwortung für den Müll zu übernehmen. Die imagebewusste Firma wollte formal eine weiße Weste behalten und der ivorische Staat stellte tatsächlich seine Klage gegen Trafigura ein: Die Machtelite steckte Dreiviertel des Geldes ein. Die Opfer erhielten von dem Geld nur ein Viertel und klagten in London durch die Anwaltsfirma Leigh Day & Co auf 150 Millionen Euro Schadensersatz. Trafigura lehnte jede Verantwortung für die Giftmüllverseuchung ab, man habe nicht gewusst, was vor Ort geschehen würde. Medien, die das Gegenteil behaupteten, wurden zum Teil erfolgreich wegen Verleumdung verklagt. Dann veröffentlichte der britische Guardian interne E-Mails von Trafigura-Angestellten, die laut taz (17.09.09) belegten, dass die Giftmüllverklappung vorgesehen war.

Wenn über eine undichte Stelle ein interner Bericht beim britischen Guardian landet, der als Schuldeingeständnis ausgelegt werden könnte, ist das ärgerlich. Trafigura versuchte abzustreiten und die Medien juristisch zu knebeln. Die Anwaltsfirma des Ölkonzerns erwirkte eine scharfe Unterlassungsverfügung. Dieser Maulkorb-Erlass zwang den Guardian, weder über die Vorgänge in der Elfenbeinküste zu berichten, noch über das interne Papier, nicht einmal über die schiere Existenz dieser gerichtlichen Anordnung durfte der Guardian schreiben. Die Anwaltsfirma Carter-Ruck ist bekannt für ihr hartes Vorgehen gegen unliebsame Medienberichte. Sie nutzte die Eigenheiten des britischen Rechtssystems zu Gunsten von Trafigura, denn im Gegensatz zu den meisten anderen Ländern muss in Großbritannien die Presse im Fall einer Verleumdungsklage nachweisen, dass sie Recht hat. Doch der Chefredakteur des Guardian, Alan Rusbridger, veröffentlichte in seiner Zeitung am 13.10.2009 einen Artikel, der praktisch nur aus Andeutungen bestand. Rusbridger twitterte einen Link darauf und Aktivisten von WikiLeaks wiesen darauf hin, dass der unterdrückte Bericht bei ihnen zu finden sei. Die Nachricht verbreitete sich und Twitterer kombinierten, dass es sich um Trafigura handeln musste, Blogger mit hunderttausenden Lesern zogen nach, so Telepolis, 26.10.2009.

Der Elfenbeinküste war Gerechtigkeit zu teil gewordenund WikiLeaks hat damit die Zusammenarbeit mit dem Guardian erprobt –und zugleich eine wichtige Funktion in der Medienwelt: Das Aushebeln einer Geldmacht, die sich in juristisch-plumper Direktheit gegen die Pressefreiheit durchsetzt.

Im Juli 2010 befand auch ein niederländisches Gericht das Unternehmen für schuldig, illegal giftigen Müll von Amsterdam nach Afrika exportiert sowie den wahren Inhalt der Fracht verborgen zu haben.