Wikileaks/Anonymous: Urteil gegen jungen Hacker

Gerd R. Rueger 03.02.2013 Anonymous_Flag.svg

London. Der britische Anonymous-Aktivist Jake Birchall (18) wurde am 01.02.2013 verurteilt, weil er vor zwei Jahren Wikileaks im Rahmen von “ Payback“ zu Hilfe eilte. Unter dem Namen Anonymous verteidigten Hacktivisten Wikileaks gegen die Finanzmafia (Operation Payback).

Damals hatten US-Finanzfirmen auf Drängen der US-Regierung Wikileaks rechtswidrig Konten gesperrt, um die Plattform finanziell zu töten. Die Rechtswidrigkeit wurde später von einem isländischen Gericht bestätigt, leider erst in einem Fall und nach langwieriger Verhandlung. Die britische Justiz war keine große Hilfe für Assange gegen den illegalen Boykott-Terror der Finanzfirmen. Wohl aber für die Finanzfirmen gegen Anonymous, wobei die Frage nach der Verhältnismäßigkeit den Richtern ihrer Majestät der Königin von England wohl nicht in den Sinn kam. Ist eine nicht erreichbare Website wirklich schlimmer als das kriminelle Zurückhalten von Geld, für das die Finanzfirmen treuhänderisch verantwortlich waren? Die Finanzfirmen waren in ihrer Existenz nicht bedroht, Wikileaks schon.

Der Hacktivist Jake Birchall wurde jetzt  im Namen der Königin wegen seiner Beteiligung an DDoS-Angriffen und Defacements gegen PayPal und andere Internet-Dienstleister verurteilt. Anders als seine Mittäter entging Birchall einer Haftstrafe, wegen Strafunmündigkeit und vom Gutachter festgestellter psychosozialer Probleme (mutmaßliches Asperger-Syndrom).

Der britische Anonymous-Aktivist Jake Birchall ist im Web als „Fennic“ bekannt. Er wurde für Aktivitäten zwischen dem 01.08.2010 und dem 22.01.2011 verurteilt. Jake war also zum Tatzeitpunkt erst zarte 16 Jahre alt. Von einem Londoner Gericht wurde er nun zum Besuch eines 18-monatigen Jugend-Rehabilitations-Projekts und zu 60 Stunden gemeinnütziger Arbeit verknackt.

Richter Peter Testar erklärte, angesichts von Birchalls Taten hätte er eigentlich eine „substanzielle“ Haftstrafe für angemessener erachtet, sei aber gezwungen Milde walten zu lassen. Neben der Jugendlichkeit von Jake habe er psychologische Gutachten berücksichtigen müssen, in denen der Hacker als sozial „zutiefst isoliert“ beschrieben wurde (Asperger-Symptom?).

Jake habe aber bei den Aktionen von Anonymous eine wichtige Aufgabe erfüllt, erklärte Richter Testar: „Er spielte in diesen Dingen eine prominente und wichtige Rolle und ich denke, er muss lernen, morgens aufzustehen und unbezahlte Arbeit zu leisten,“ berichtet gulli.com. Der ehrenwerte Richter wusste wohl nicht, dass bei Anonymous grundsätzlich nur freiwillig unbezahlte Arbeit geleistet wird, oft auch früh morgens -wenn auch nicht unbedingt früh morgens aufgestanden wird.

Jake Birchall begann nach eigenen Angaben schon im Alter von acht Jahren das Internet zu nutzen, aha ein echter Hacker! Er sei also höchst erfahren im Umgang mit Computern und spielte eine einflussreiche Rolle in der Gruppe „AnonOps“, der von Anonymous verwendeten Infrastruktur zu verdanken sei. Jake beschrieb sich selbst in Befragungen als „Netzwerk-Administrator“, nahm aber nach Einschätzung der Justizbehörden auch selbst an DDoS-Angriffen teil.

paybackZu Details des psychologischen Gutachtens durfte sich Richter Testar nicht weiter auslassen. Er sagte lediglich, dass Kriterien für „bestimmte Krankheiten“ erfüllt seien,  etwa sei ein „merklicher Mangel an nonverbalen Fähigkeiten“ festgestellt worden. Sag doch gleich Asperger, oder? Bedenke: Dies ist eine anerkannte psychische Behinderung und kein Grund sich zu schämen (und wenn man es vortäuschen kann, eine tolle Sache, um das Strafmaß zu mildern). Nieder mit der Diskriminierung von Aspergern und anderen psychisch beeinträchtigten Menschen! Der berühmte Anti-Psychiater Thomas S. Szasz hielt sogenannte Geisteskrankheiten für Erfindungen der Psychiater, um unangepassten Menschen ein Stigma anzuhängen und sie zu entrechten. Wenn hier ein Stigma (Hacker) mit einem anderen (Asperger) etwas in den justiziellen Folgen entschärft werden konnte, ist dies vielleicht nicht so übel…

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Ecuador an London: Imperialisten!

Galindo Gaznate 22.10.2012

London. Ana Alban, die Botschafterin Ecuadors in London,  äußerte in einem am Sonntag gesendeten Interview harte, aber wohl gerechtfertigte Kritik an London. Die britische Regierung habe sich in der WikiLeaks-Affäre um Julian Assange wie ein koloniales Imperium verhalten, so die Kritik von Botschafterin Alban. In ihrem Eifer, dem großen Bruder USA seinen Staatsfeind Nr.1 via Schweden auszuliefern, sei die Maske der Zivilisation den Briten vom Gesicht gerutscht. Großbritannien habe insbesondere mit der Drohung, die Botschaft der kleinen Andenrepublik zu stürmen, die Grenze normalen zwischenstaatlichen Handelns weit überschritten. Der diplomatische Disput bewegt Beobachter bis auf die arabische Halbinsel (Oman Tribune), die einst dem Britischen Empire unterworfen war und jetzt Truppen der USA beherbergen darf.

Auf Befragen durch den britischen Rundfunk-Sender BBC Radio meinte Alban, diese infame Drohung der britischen Regierung sei „der größte Fehler„, den London während ihrer Zeit als Botschafterin gemacht habe.

„They were trying to show this little country that the British are still an empire and we should learn to be good boys during our stay here,“ said Alban.

Sie versuchten diesem kleinen Land zu zeigen, dass die Briten noch immer ein Imperium sind und dass wir lernen sollten, brave Jungs zu sein, während wir hier sind.

Das Verhalten der britischen Polizei gegenüber den Botschaftsangehörigen scheint ebenfalls nicht zur Erhebung der diplomatischen Beziehungen beizutragen. Botschafts-Mitarbeiter beklagten sich bei der BBC, die ständige Polizeipräsenz vor der Botschaft wirke intimidating – einschüchternd, so Shanhai Daily. Die Polizeitruppen lauern nur darauf, den Wikileaks-Gründer bei einem Fluchtversuch festzunehmen. Wie ihre Kollegen äußerte sich auch Alban kritisch über das Verhalten der Polizei, sie habe sogar Polizisten direkt vor dem Fenster ihrer Toilette entdeckt -Briten sind Weltmeister im Video-Voyeurismus und nehmen es mit der Privatsphäre anscheinend nicht so genau. Wo ist das gute Benehmen der britischen Gentlemen geblieben? Sogar Mr.Bean (R.Atkinson) ist derzeit mit der Britischen Politik unzufrieden und tritt auf youtube für mehr Informationsfreiheit ein -kein Wunder, dass London Wikileaks hasst.

In den deutschen Medien war die Flucht von Assange in die Vertretung Ecuadors unter anderem der Auftakt zu einer medialen Hetzjagd auf das kleine südamerikanische Land mit einer sozial orientierten Regierung. Der übliche Antikommunismus vieler Mainstream-Medien steigerte sich dabei zu einer Hexenjagd nicht nur auf Assange, sondern auch auf den ecuadorianischen Präsidenten Correa.

Hexenjagd auf Assange: London im Abseits

Ecuadors Außenminister blamiert Briten

Gerd R. Rueger 24.09.2012

Ricardo Patiño, der Außenminister von Ecuador, blamierte Briten und Schweden mit einem simplen Vorschlag zur Lösung der Wikileaks-Krise. Assange könne doch einfach unter ecuadorianischem Schutz zur Befragung nach Schweden ausreisen. London und Stockholm lehnten  eine Diskussion des Vorschlags ab.

Dabei wäre es leicht möglich, dass Assange sich in die ecuadorianische Botschaft in Stockholm begibt, um sich dort endlich den Fragen der schwedischen Staatsanwaltschaft über die beiden Kondome zu stellen (von denen eines, wie wir inzwischen wissen, nicht einmal seine DNA enthält –wer Schwedisch kann, wusste mehr, auch über die Zeugenbefragungen und Polizeiprotokolle). So könnte er unter ecuadorianischem Schutz bleiben und dennoch den Anforderungen der schwedischen Justiz gehorchen. Die Ablehnung dieses Vorschlags ist weder rechtlich noch logisch zu erklären -geht es wirklich um ein Strafverfahren in einer sexuellen Strafsache? Immer weniger Beobachter glauben daran -die Hexenjagd auf Assange wird immer absurder.

Die Besessenheit der Briten, Assange ausliefern zu wollen ist vor allem dem Assange-Verteidiger Garzon unverständlich. 1998 wurde der chilenischen Diktator Augusto Pinochet in London verhaftet, es lief ein Auslieferungsersuchen aus Spanien. Bewiesen war zu diesem Zeitpunkt schon seine Verantwortung für den Mord an 3.000 Menschen, die Folter von mehr als 30.000 Menschen, einschließlich brutaler Vergewaltigungen, begangen an mindestens 3.000 Frauen. Der Massenmörder bekam Asyl in London und die Briten verweigerten nach einem langwierigen Rechtsstreit die Auslieferung an Madrid –Ankläger in Madrid war Balthasar Garzon.

Damals standen tägliche Mahnwachen von chilenischen Flüchtlingen vor dem Britischen Parlament, darunter Frauen, die unter Pinochet gefoltert und vergewaltigt worden waren.  London ließ den Massenmörder, -folterer und –vergewaltiger Pinochet nach Chile zurückkehren, ohne dass er für seine unzähligen Verbechen belangt werden konnte. Im Fall Assange geht es um sehr fragwürdige Anklagen in unvergleichlich banaleren Anschuldigungen, aber London will Assange unbedingt ausliefern. Warum? Katrin Axelsson and Lisa Longstaff von „Women against Rape“ wiesen auf diesen Widerspruch hin:

„Whether or not Assange is guilty of sexual violence, we do not believe that is why he is being pursued. Once again women’s fury and frustration at the prevalence of rape and other violence, is being used by politicians to advance their own purposes. (…) In over 30 years working with thousands of rape victims who are seeking asylum from rape and other forms of torture, we have met nothing but obstruction from British governments. Time after time, they have accused women of lying and deported them with no concern for their safety.“ (Guardian 23.08.2012)

Ricardo Patiño kündigte an, er wolle  bei der UN-Vollversammlung seinen britischen Kollegen William Hague persönlich auf den Fall Assange ansprechen.  Ein Sprecher des britischen Außenministeriums verwies inzwischen noch einmal auf die britische Position: Die Londoner Regierung hält nach der Ausschöpfung aller Rechtsmittel durch Assange bzw. dem High Court Judgement daran fest, ihrer Verpflichtung zu seiner Auslieferung nachzukommen –wenigstens will sie nicht mehr das Völkerrecht brechen und die Botschaft stürmen. Das schwedische Außenministerium lehnte es ab, sich zu dem Vorschlag Ecuadors zu äußern.

Tiounine Kommersant (Moskwa)

Vielleicht hat man dort ja weiterhin Bedenken gegenüber Correa wegen der Lage der Menschenrechte in Ecuador, die in deutschen Mainstream-Medien so heftig diskutiert wurde -die Menschenrechte der seinerzeit für eine Auslieferung von Pinochet nach Madrid demonstrierenden Frauen fanden weniger Beachtung. Unsere Medien lassen solche Details wie die Massenvergewaltigungen und -folterungen unter dem Massenmörder Pinochet und dessen Nicht-Auslieferung aus Großbritannien gerne unerwähnt. Ebenso wenig Beachtung findet Unterstützung von Assange bei deutschen Journalisten oder das Foto, das eine der Frauen fröhlich neben ihm zeigt, zwei Tage nachdem er sie angeblich sexuell missbraucht haben soll. Sie wiederholen nur möglichst oft die Beschuldigungen und Verleumdungen gegen Assange. Freie Presse sieht anders aus.