Facebook, Google, Apple… und wie man Widerstand leisten könnte

Cover: „Disrupt!“ (Unrast-Verlag) Filmplakat „Metropolis“, dem Science Fiction-Klassiker von Fritz Lang

Ein Essay mit Buchkritik von Hannes Sies

Wir alle nutzen gern und häufig neue Technologien, z.B. hier und jetzt im Internet. Selten, allzu selten denken wir darüber nach, welche Folgen diese Technik für uns selbst, geschweige denn für Gesellschaft und Politik haben könnte. Kulturelle Reflexion über Technologie findet überwiegend nur im Genre Science Fiction (SF) statt. Dies kann bestenfalls utopische Züge haben, schlimmstenfalls in reaktionäre Auswüchse des „Fantasy“-Genres reichen. Ersteres kann man massenkulturell vielleicht bei Star Trek (deutsch: Raumschiff Enterprise) finden, letzteres bei Star Wars (das von seinen Fans für SF gehalten wird). Für bodenständige Menschen bedeutet das Prädikat „utopisch“ nur ein anderes Wort für „Spinnerei“, ihre Überlegungen bezüglich der Zukunft reichen meist nicht weiter als, sagen wir, ein Bausparvertrag oder der Rentenanteil im nächsten Tarifabschluss.

Zumindest von den Leuten, die Technologien entwickeln, sollte man eigentlich erwarten, dass sie über die Folgen reflektieren. Tatsächlich ist die technische Intelligenzia oder, wie man sie heute nennt, die „Nerds“, eifriger Konsument von Massenkultur à la Star Trek und Star Wars, wie man in der äußerst erfolgreichen Nerd-Satiresoap The Big Bang Theory sehen kann: Zur kritischen Beschäftigung mit dem eigenen Handeln oder mit Technologie führt dies aber kaum, nur zu Eskapismus in eine unpolitische, evtl. noch lasch-sozialliberale Haltung (Schmusenerd Lennard) bzw. sogar zu reaktionär-konservativer Weltsicht (beim Asperger-Syndrom-Nerdkönig Dr.Sheldon Cooper).

Dr.Sheldon Cooper liebt Facebook

Dr. Sheldon Cooper, Chef-Nerd aus The Big Bang Theory (von Fan-Website BBT-Wiki)

Keine Figur dieser auch hierzulande täglich im Fernsehen wiederholten US-Serie macht sich jemals kritische Gedanken über das Handeln ihrer Regierung. Ebenso wenig über die Richtigkeit der Politik, für die sie sich auch gar nicht interessieren und meist auch kaum über die Technologie, die sie entwickeln. -Abgesehen von ein paar Zweifeln, als das Militär als besonderen Gag etwas davon requiriert und für geheim erklärt (Zweifel, die mit Angst vor Repressionen schnell herunter geschluckt werden). Das Erfolgsgeheimnis dieser Soap: Solche Nerds gibt es tatsächlich und sie werden immer mehr. Einige von ihnen versuchen sich sogar etwas ernsthaftere Gedanken zu machen als die Medien-Klischee-Vorbilder aus den USA, z.B. Leena aus dem Umfeld der deutschen Hackerszene:

Ob The Circle, Black Mirror, The Handsmaids Tale oder Star Trek Discovery – Unsere Populärkultur wirft derzeit einen pessimistischen Blick in die Zukunft. Dabei brauchen wir gerade jetzt technologische Utopien.“ Leena

Leena denkt dabei nicht direkt an Politik, aber sie gehört zu jenen, die das Buch DISRUPT! lesen sollten. Als Autor von DISRUPT! zeichnet verantwortlich das „redaktionskollektiv çapulcu“ („çapulcu“ steht türkisch für „Banditen“ und wurde von Erdogan-Gegnern nach selbiger Beschimpfung für sich übernommen). Man sieht Technologie explizit politisch, kritisch und links:

Logo von Capulcu (weil Erdogan während der großen Proteste eine Pinguin-Doku im Fernsehen senden ließ)

DISRUPT! beschreibt die Versuche, das menschliche Dasein den Anforderungen einer reduktionistischen künstlichen Intelligenz zu unterwerfen. Der Anpassungsdruck des Menschen an die Maschine wirkt bereits jetzt – weit vor einer vollständigen Vernetzung aller mit allem. Das redaktionskollektiv çapulcu dechiffriert diese oft unhinterfragte Entwicklung als Angriff auf unsere Autonomie und analysiert seine entsolidarisierende Wirkung. Denn Technologie ist nie neutral, sondern immanent politisch.“

Die Autoren sind keine Maschinenstürmer, aber sie wollen die neuen Technologien kritisch auf ihre Folgen befragen, auf ihre politökonomischen Hintergründe, auf die Motive der Herrschenden bei ihrer Propagierung und Durchsetzung. Das gelingt sehr überzeugend. Der Unterton ist zuweilen etwas düster, doch es überwiegt der gerechte Zorn über unfaire Verhältnisse, die zynischen Lügen und die Repression, mit der iT-Machteliten ihre Gier auf unser aller Kosten befriedigen. Das ist weit mehr als wir bei zeitgenössischen Nerds sonst zu sehen bekommen:

Ob Klimawandel, Totalüberwachung, künstliche Intelligenz oder das Erstarken menschenverachtender Menschenbilder, wir haben viel Grund zum Pessimismus. Gerade in Zeiten, in denen viele der Mut verlässt, wo viele sich eingestehen, dass sie eher mit Zweifeln in die Zukunft sehen, braucht es positive Ideen zum Umgang mit Technik.“ Leena

Big Bang Theory und die Politik der Nerds

Vielleicht denkt auch Leena bei diesen positiven Ideen an die Hackerkultur, deren politische und sogar radikale Aktionen das redaktionskollektiv çapulcu ausführlich begründet und beschreibt: Mit Macht vorangetriebene technologische Schübe wären kaum umkehrbar, sobald sie gesellschaftlich durchgesetzt wären. Denn „der darüber geprägte Zeitgeist“ wirke selbstverstärkend für die notwendige Stabilisierung, wobei dieser Geist,so muss man anmerken, etwas Hilfe von Medienkonzernen bekommt, wenn sie etwa einen Sozialcharakter wie den US-Nerd in nur vermeintlich unpolitischen TV-Serien wie The Big Bang Theory unter Abermillionen jungen Menschen verbreiten.

Capulcu fordert einen Gegenangriff auf Ideologie und Praxis „der totalen Erfassung“ und „die Wiederbelebung einer praktischen Technologiekritik zwischen Verweigerung und widerständiger Aneignung spezifischer Techniken“. Als Gegner werden nicht nur Regierungen und Behörden des klassischen Überwachungsstaates benannt, sondern mehr noch die großen Konzerne und Industrien der digitalen Welt: Apple, Google, Microsoft und Facebook, um nur die bedeutendsten zu nennen. Der Vorwurf lautet auf Ausbeutung, ganz traditionell ihrer Arbeiter, insbesondere im globalen Süden, China etwa. Aber gerade auch ihrer „Kunden“ und der Nutzer ihrer Angebote. Diese würden in ihrer Privatsphäre verletzt, ihre Daten rücksichtslos verwertet und sie selbst als total ausspionierte Kundenprofile verraten und verkauft. Für die Werbewirtschaft ein gefundenes Fressen ist vor allem Facebook: Seine gut zwei Milliarden Nutzer sind der Durchleuchtung und Manipulation recht- und schutzlos ausgeliefert und ahnen es meist nicht mal. Einige, nennen wir sie Leena und Ingo (Namen, wie sie heute typische sozialliberale Mittelschicht-Akademiker ihrem Nachwuchs verpassen) ahnen meist eher unbewusst, dass dabei nicht alles Gold ist, was auf ihrem Bildschirm glänzt, vermögen aber nicht, politisch tiefer gehende Kritik zu entwickeln:

So ein soziales Netzwerk ist eine tolle Sache. Immer und überall lässt sich herausfinden, wie es den Freunden wohl gehen mag, was sie gerade treiben. Andersrum lässt sich natürlich auch mitteilen, wie denn das eigene Befinden so ist, zu welcher Party es als Nächstes geht und wie die letzte denn so war. Ab und an werden die Nerven dann doch strapaziert, wenn der Freundeskreis haufenweise YouTube-Videos zu postet, Bilder von verschiedenen Gruppen zu teilt oder einfach nur blindlings jede offensichtlich virenschleudernde App installiert. Aber an und für sich ist es ganz toll, immer mit den Lieben, nahen und fernen Bekannten und Freunden verbunden zu sein. Insbesondere dann, wenn sie sich nach Schule, Ausbildung und Studium über die ganze Welt verteilt haben. Das erzeugt dann ein gewisses Heimatgefühl.“ Ingo

Ingo kommt am Ende einer weitgehend unpolitischen, über große Zusammenhänge völlig uninformierten, aber immerhin noch rationalen Abwägung, wenigstens zum Ergebnis, persönlich auf Facebook zu verzichten. Sein Weltbild ist vermutlich das Ergebnis eines Medien-Mainstreams, der ein werbefreundliches Umfeld schafft und sich an Vorgaben der Bilderberg- etc. Machteliten hält: Die eigene Regierung wird unkritisch gesehen, ihre z.B. Verletzungen des Völker- und Menschenrechts bei Angriffskriegen (Libyen, Syrien usw.) sind unbekannt und „Oligarchen“ gibt es nur in Moskau, nicht in Washington, London, Paris und Berlin. So kann Ingo auch kaum begreifen, welches Ausmaß die medial-digitale Kontrolle über sein Leben wirklich schon hat und vor allem nicht, von wem und wozu sie ausgeübt wird. Geschweige denn, dass er an Widerstand dagegen denken könnte (der über eine Änderung seines Soziale-Medien-Konsums hinausginge). Würde Ingo bloß dieses Buch lesen:

Denn Capulcu wird da in Disrupt! Schon wesentlich konkreter: „Alles, was man jemals preisgegeben hat – ob freiwillig oder ohne eigenes Wissen und Zutun – bleibt im digitalen Gedächtnis des Internets für immer erhalten. Eine reichhaltige Fundgrube also für Unternehmen und staatliche Repressionsorgane. Facebook beispielsweise wertet permanent die eingegebenen Daten aller Nutzer*innen aus, und Werbefirmen können sich Profile zurechtklicken, um genau den Personen maßgeschneiderte Werbung zu schicken, die sich für ihre Produkte interessieren könnten. Natürlich ist dies nur ein minimaler Teil der Datenquellen im Netz, auf die zugegriffen werden kann. Scheinbar kostenlose Dienste wie die von Facebook oder Google werden mit den eigenen Daten teuer bezahlt – und die Unternehmen machen Milliarden damit. Viele Smartphone-Apps beispielsweise leiten die Daten ihrer Nutzer an Werbenetzwerke weiter, ohne dass diese davon in Kenntnis gesetzt werden oder gar ihre Zustimmung gegeben hätten. Die Werbenetzwerke speichern dann die IMEI (International Mobile Station Equipment Identity, die Seriennummer des benutzten Geräts, das dadurch eindeutig identifizierbar ist) zusammen mit dem Nutzungsverhalten über mehrere Apps hinweg, so dass ein aussagekräftiges Interessenprofil der Nutzer erstellt werden kann. Es werden freiwillige direkte Angaben, aber auch Klicks, Likes und Dislikes, Standorte, soziale Netzwerke und Beziehungen erkannt und ausgewertet, um Profile von Menschen zu erstellen, sie einzuschätzen, zu bewerten, ihr Verhalten vorherzusagen und sie zu manipulieren. Wer glaubt, dass es sich hierbei um scheinbar unkritische, harmlose Daten handelt, liegt leider falsch. Interessant sind neben demografischen Daten gerade solche, die tiefe Einblicke in das Leben von Menschen erlauben. So sind beispielsweise persönliche Stärken, Schwächen, Ängste, Interessen und Einstellungen, aber auch Krankheiten, Beziehungen, Kaufkraft und Kreditwürdigkeit, intime Geheimnisse, Neigungen oder Suchtverhalten von großem Interesse.“

Disziplinierung durch Fitness-Tools und Profiling

Capulcu weist auf drohenden Missbrauch etwa durch Krankenkassen hin, die gierig darauf sind, uns loszuwerden, sobald wir „schlechte Risiken“ werden: Wenn wir krank werden also. In Zukunft wird man versuchen, uns vorher loszuwerden oder gar nicht erst aufzunehmen, wie am Beispiel Generali gezeigt wird. Folge: Jeder spürt den Zwang zur Selbstoptimierung als neoliberales Markt-Subjekt, das im Wettbewerb mit allen anderen steht. Solidarität? Fehlanzeige. Bei der großflächigen Disziplinierung wird die neue Mode der Fitness-Messung angewandt, aber auch die politische Willensbildung sei ins Fadenkreuz gerückt. Firmen wie die berüchtigte Cambridge Analytica etablierten dort gerade Geschäftsmodelle: Das Buch beschreibt den Skandal rund um den Trump-Wahlkampf und die Brexit-Kampagne, die von der Cambridger Firma beraten wurden. Beide hatten Erfolg, womöglich auch weil sie personifizierte Propaganda verwenden konnten. Diese wurde anhand von Facebook-Profilen direkt auf sie zugeschnitten: Digitaler Rechtspopulismus, der von sogar für Facebook-Standards illegal auf Nutzerdaten zurückgriff. Diese Story ist inzwischen auch im Medienmainstream angekommen -aber wäre sie es, wenn nicht die Außenseiter-Positionen Trump und Brexit damit durchgesetzt worden wären? Und wie naiv muss man sein, um zu glauben, dass nicht zahlreiche andere geheime Kampagnen ähnliche Methoden anwenden?

Cambridge Analytica war nur ein extremes Beispiel für die täglich geübte Normierung und Disziplinierung der digitalen Subjekte im Netz, aber auch im realen Leben. Ziel ist die vom Nutzer freudig -und teilweise sogar dafür bezahlend- selbstgewählte Unmündigkeit. Capulcu analysiert die digitale Antiaufklärung über Smartphone, Fitness-Armband und Computer, wie sie weiland Adorno nicht schärfer hätte kritisieren können.

Doch das lieber anonym bleibende Redaktionskollektiv bearbeitet noch viele weitere Bereiche, die Silicon-Valley-Ideologie um Künstliche Intelligenz und Transhumanismus, ihre Nudging-Manipulations-Strategien, Big Data als Basis von Wahlbetrug. Die Kritik bearbeitet auch traditionell linke Themen: Wie Apple seine Arbeiter in China ausbeutet; wie Uber das Taxigewerbe entsolidarisiert und dabei die Selbstausbeutung der vom Neoliberalismus entwurzelten „Selbstunternehmer“ ausnutzt; wie die unpolitisch-zynische IT-Gewinnler-Klasse den Rest der Welt dem hemmungslosen Zugriff des Kapitals preisgibt, etwa in der Gentrification durch AirBNB (eine neoliberal-konzernmäßige Pervertierung des Gedankens der Mitwohnzentralen).

Widerstand gegen Google, Facebook & Co.

Dabei wird der Missbrauch von Technologie nicht nur kritisiert und beklagt, sondern immer Möglichkeiten des Widerstands beschrieben. Schade, dass solche Bücher es wohl nicht zur Schullektüre bringen werden. Abschließend eine Passage über den Kampf gegen Google, dessen „sozialer“ Einsatz für seine gutbezahlten Nerd-Angestellten nicht von allen begrüßt wird:

Straßenszenen in San Francisco: Unrat und Blockaden gegen Google-Luxusbusse, Besetzung des Airbnb-Hauptquartiers, Abwehr von Gerichtsvollzieher*innen bei Wohnungsräumungen. Das sind Formen eines Kampfes gegen Vertreibungsdruck in Silicon Valley, der Welthauptstadt des technologischen Angriff s der IT-Industrien, der die Lebensverhältnisse der umliegenden Städte San Francisco, Oakland etc. umzupflügen sucht. Es ist zugleich ein Schwerpunkt des weltweiten Kampfes, den wir auf allen Kontinenten und in vielen Städten Europas in vielen Facetten und Schattierungen erleben. Überall steigert eine unerbittliche VertreibungsOffensive die gemächlicheren Formen vormaliger ›Gentrifizierung‹ auf neue Höhepunkte. In ihrem Machtkern operieren neue Eliten und Wohlhabende, die auf irgendeine Art und Weise Agent*innen und Nutznießer*innen des technologischen Angriffs sind. (…)

Auf Fotos können wir Aktionen verfolgen, z.B. wie die von Google und anderen Unternehmen für ihre Mitarbeiter*innen eingesetzten Luxusbusse blockiert, mit Schmutz und Unrat beworfen und auf alle erdenklichen Weisen attackiert werden. Mariannes Fotoserie zeigt uns auch die direkten Kämpfe gegen Vertreibung. Sie reichen von Kampagnen gegen die Übernahme von Gebäuden durch Tech-Reiche bis hin zur direkten Blockade. Die ersteren waren zuweilen nicht ohne ›Geschmäckle‹. So beanspruchte ein in den Diensten der IT-Offensive zu Reichtum gekommener Rechtsanwalt ein ganzes 12-Stockwerke-Haus für sich allein. Eine Kampagne fand heraus, in welcher Schwulen-Bar er verkehrte und verbreitete über das Beziehungsanbahnungs-Portal »tinder« die Vertreibungsgelüste des Rechtsanwalts – mit der Folge, dass Teilnehmer des Portals eine Kontaktaufnahme mit ihm verweigerten, weil sie mit Vertreibern nichts zu tun haben wollten. Die Kampagne verfehlte ihre Wirkung also nicht.“

çapulcu redaktionskollektiv: DISRUPT! Widerstand gegen den technologischen Angriff, Unrast Verlag, Münster 2017, 155 S., 12,80-

Gekürzte Version zuerst erschienen bei (Scharf-links)

Siehe dazu auch die Kritik des neoliberalen Buches Disrupt Yourself

 

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USA: Republikaner setzen auf Star Wars

Gerd R. Rueger 16.05.2013

Washington D.C. Derek Kilmer ist Congressman für die Republikaner und sammelt Spenden für seinen nächsten Wahlkampf. Er soll als smarter Jungkarrierist  und Absolvent der Edel-Universitäten von Princeton und Oxford US-Jungwähler fangen. Die Film- und Fernsehlobby hilft ihm jetzt, mit dem populären Star Wars-Thema zu punkten. Die große Fan-Gemeinde der beliebten Space Opera soll der rechtsgerichteten Partei auf die Beine helfen, die einst von Ronald Reagans Image als Westernheld profitierte.
Derek Kilmer sitzt für die Republikaner im US-Kongress und sammelt derzeit Spenden für seinen Wahlkampf. Er soll als smarter Juniorkarrierist Jungwähler fangen -nicht leicht für die rechtspopulistische Grand Old Party (kurz GOP, d.h. die Republikaner). Als Absolvent von Princeton und Oxford will Kilmer seine Liebe für den Kosmos für eine intergalaktische Wahlkampffinanzierung nutzen und mit dem Star Wars-Thema eine politische Spendenaktion lancieren, meldet das Center for Public Integrity (CPI).
Das passt bestens, denn Star Wars ist als dümmlich-brutale Space Opera nicht von ethischen oder gar demokratischen Ideen angekränkelt, wie die Konkurrenz-SF Star Trek (Enterprise). Star Wars setzt auf Kampfsterne, harte Kerle, die mit ihren Laser-Schwertern die  Prinzessin retten und ist somit durch und durch reaktionär. Die lobbyistische Spendenaktion soll am 22.Mai im „galactic trivia battle“ laufen -mit Ticketpreisen von 50 bis zu stolzen 1000 US-Dollar für die republikanischen  political action committees und full trivia teamsThe National Cable and Telecommunications Association’s Washington, D.C.  (NCTA), die Zentrale Lobby-Dachorganisation der US-Fernsehanbieter spielt den Gastgeber für den Youngster der rechtslastigen Reagan & Bush-Partei, die traditionell der Rüstungs-, Erdöl- und Energiemafia nahesteht, vgl. z.B. Bush-Enron-Skandal.
Der Verantwortliche für Kilmers Kampagne zur Wiederwahl in den Kongress war laut CPI nicht für eine Stellungnahme zu erreichen. Aber Stephen Carter, Kongressman Kilmers Sprecher, bestätigte, sein Chef sei „ein ziemlich großer Star-Wars-Fan“. Keine Überraschung ist bei dieser SF-Begeisterung, dass Kilmer Mitglied des House Committee on Science, Space and Technology ist, wo über nicht-militärische Technologiepolitik debattiert wird. Dort streiten die Republikaner für mehr Atomkraft, Fracking bis der Wasserhahn brennt und ungehemmten Benzinverbrauch in dicken Limousinen -dafür kämpft Amerika bis zum letzten massakrierten Araberbaby um „sein“ Erdöl.  Mit den Hippy-Technologien Öko-Wind-Solar will man eher nichts zu tun haben, der debil-entpolitisierte Rechts-Nerd schwärmt für Hightech-Jagdbomber, Weltraumwaffen und Luke Skywalker (Star Wars).
Eine Neuheit sind politische Benefizveranstaltungen in Wash-DC wahrlich nicht. Aber alltäglich sind heutzutage langweilige Gummi-Adler-Dinners mit  dümmlichen Grinse-Sitzungen, noble Skitouren oder rustikales Scheibenschießen für die NRA-Waffenlobby-Kamarilla. Da fällt so eine Star Wars-Sause von der Film- und Fernsehlobby etwas aus dem Rahmen.
Die Kreativität der US-Politik konzentriert sich ganz auf das Spenden sammeln in eigener Sache, die wachsenden Kosten der Kampagnen in den nicht enden wollenden Kongress-Wahlzyklen machens möglich. Jede Geschmacksverirrung ist erlaubt, zumal wenn sich politiker an die Jugend ranwanzen wollen -sollen die Kritiker doch reden. Im Jahr 2005 putzte das Democratische Congressional Campaign Committee noch drei republikanische Kongressabgeordneten medial herunter, weil sie beim Spenden-Zusammenbetteln  mit Star Wars-Filmen köderten. „Bei den Republikanern kommen Sie auf die dunkle Seite“, spöttelte die Konkurrenz von der (etwas gemäßigter) rechtspopulistischen Demokraten-Partei.

Echte Star Wars-Fans sollten statt auf die peinlichen Anbiederungen des Jung-Reaktionärs Kilmer vielleicht lieber auf Harrison Ford hören. Der Filmstar und Star Wars-Heldendarsteller des Laserschwert-Schwingers Han Solo ist ein entschiedener Anhänger der weniger reaktionären Konkurrenzpartei. Als  Spender der Demokraten hat Harrison Ford laut  Center for Public Integrity Zehntausende von US-Dollar aus seinen üppigen Millionengagen zur Unterstützung der Partei Obamas locker gemacht.

Kulturell scheint hierzulande die Süddeutsche Zeitung (SZ) den US-Republikanern am nächsten zu stehen: Dort steht man zumindest auch auf Star Wars. In einem Bericht über Filmdrehorte in Tunesien schwelgte die SZ überschwänglich in Star Wars, ein Redakteur schien höchstselbst die Wüstendrehorte besucht zu haben. Er kannte aber nicht den ebenfalls in Tunesien gedrehten und kulturell wie politisch viel bedeutsameren Film Monty Python’s Life of Brian. War der Python-Film der SZ zu anarchistisch, zu links, zu brisant im Eintreten für Kunst- und Meinungsfreiheit? Oder unterliegt die ehemals linksliberale deutsche Presse auch im Kulturteil immer mehr Entpolitisierung und Niveau-Limbo?

SZ: Entpolitisierte Presse will Star Wars statt Monty Python

Nora Drenalin & Gerd R. Rueger 15.05.2013

Die ehemals linksliberale deutsche Presse unterliegt auch im Kulturteil immer mehr Entpolitisierung und Niveau-Limbo. In einem Bericht über Filmdrehorte in Tunesien schwelgte die SZ in Star Wars von George Lucas, kannte aber nicht den filmgeschichtlich wie politisch viel bedeutsameren Film Monty Python’s Life of Brian. War der Python-Film der SZ zu anarchistisch, zu links, zu brisant im Eintreten für Kunst- und Meinungsfreiheit? Und wichtiger noch für das hiesige Pressewesen: Ob Anpasserei ans neoliberale Infotainment sich am Ende wirklich lohnt?

Cineasmus in Tunesien fürs enthirnte deutsche Besitzbürgertum: Die Süddeutsche brachte einen hirnlosen, langatmigen Bericht über Film-Drehorte in Tunesien. Schwerpunkt war natürlich George Lucas „Star Wars“-Saga (R2D2, C3PO, Jedi-Ritter & Prinzesschen im Weltall, also Star Trek für geistig Arme). In den USA fühlen sich scheinbar besonders die reaktionären Republikaner diesem SF-Epos verbunden.

„So muss sich Luke Skywalker im Cabrio-Gleiter bei den Ausflügen über seinen staubigen Heimatplaneten Tatooine gefühlt haben. Als würden die Räder den Sand nicht berühren, saust der Geländewagen durch die Wüste. Die Passagiere schließen in freudiger Furcht die Augen, wenn der Fahrer Kerim wie ein Rallye-Pilot auf eine Dünenkante zuschießt, ohne zu sehen, was dahinter kommt. Aber wer sollte einem schon entgegenkommen mitten in der Wüste Tunesiens?“  Michael Zirnstein in Süddeutsche

Humor und Anarchie sind nicht die Sache von Luke Skywalker und auch nicht der SZ. Kulturtourismus und die Weisheit von Obi Wan Kenobi genügen dort offenbar. Immerhin kennt Zirnstein auch Karl May (früher kannten SZ-Feuilletonisten sogar Karl Marx):

„Die Weite,  die Leere,  das Knirschen, die Hitze und die Gefahren der Wüste,  all das inspirierte schon den sächsischen Wohnzimmer-Abenteurer Karl May – lang bevor er selbst einen Fuß in den heißen Sand setzte. Der Anfang seines Romans  „Durch die Wüste“  spielt im Djerid, dem Dünenland mit seinen vier Oasen Tozeur,  Nefta,  El Hamma und  El Oudiane im Herzen Tunesiens.“   Michael Zirnstein in Süddeutsche

SZ: Verschwiemeltes Feuilletongesülze

SZ steht auf Star Wars Infotainment

Der Kulturteil einer bürgerlichen Zeitung steht nicht im Ruf, politisch auf einem besonders klugen Bewusstseinsstand zu sein. Doch ein paar politisch angehauchte Kenntnisse sollten sich dort doch zuweilen finden. Das zäh-verschwiemelte Feuilletongesülze („viele Tunesier konnten die StarWars-Filme noch nie sehen“) zog sich über zwei endlose Seiten, ohne dass der sich dort verbrechelnde Redakteur ein einziges Mal den besten in Tunesien gedrehten Film erwähnte: „Life of Brian“.

Deutsch „Das Leben des Brian“ hieß die unvergessliche Jesus-Christus-Satire, deren Kinovorführung hernach Verboten von Fundamentalisten unterlag -und zwar in vielen US-Bundesstaaten (für Star Wars-Fans: US-Bundesstaaten sind die Bundesländer der USA, d.h. von Amerika). Das Leben des Brian (Originaltitel: Monty Python’s Life of Brian) ist die kulturgeschichtlich bedeutendste Satire der britischen Komikergruppe Monty Python aus dem Jahr 1979. Sie entfachte zahlreiche politische, religiöse, kulturelle und künstlerische Kontroversen, brachte aber keine stumpfsinnige Massenbewegung hirnloser „Fans“ hinter sich, wie Starwars von George Lucas. Dies wohl auch, weil sie hirnloses Mitläufertum, ob nun durch Religion oder wie immer motiviert,  gnadenlos persiflierte und der Lächerlichkeit preisgab.

Monts Python und Wikileaks

Inhalt: Der naive und unauffällige Brian (Graham Chapman), zur gleichen Zeit wie Jesus zwei Häuser weiter in Bethlehem geboren, wird durch Missverständnisse unfreiwillig als Messias verehrt. Seinen vor seinem Haus versammelten stumpfsinnigen Anbetern ruft Brian auf dem Höhepunkt des Films zu: „Und vergesst nicht: Ihr seid alle Individuen!“ Die sich in der Gasse drängende Menge im Chor zurück: „We are all individuals!“

Diesen Part des Films wiederholte Wikileaksgründer Julian Assange auf demJulian Assange Ecuador embassy Balkon der Botschaft Ecuadors in London in Richtung seiner versammelten Anhänger: „Don’t forget: You are all individuals!“ Leider kannten sie den Film nicht oder übersahen sein heftiges Augenzwinkern, sonst wäre das Happening perfekt gewesen.

Weiter im Filminhalt von Life of Brian: Weil er sich gegen die römischen Besatzer engagiert, gerät er zwischen die Fronten der erbittert verfeindeten Widerstandsgruppen „Befreiungsfront für Palästina“ und „Palästinensische Befreiungsfront“, die Zwistigkeiten von marxistischen K-Gruppen der 70er Jahre karikierend. Von römischen Soldaten gefangen, findet Brian schließlich in einer Massenkreuzigung fröhlich pfeifend (Always Look on the Bright Side of Life) sein Ende.

Die Satire zielt laut Wipikedia auf den Dogmatismus religiöser und politischer Gruppen. Insbesondere christliche, aber auch jüdische Vereinigungen reagierten mit scharfen Protesten auf die Veröffentlichung. Die folgenden Aufführungsboykotte und -verbote vor allem in den USA (Bibelbelt), aber auch anderswo fachten Kontroversen um Meinungs- und Kunstfreiheit an. Obwohl der Vorwurf der Blasphemie von praktisch allen Seiten entkräftet Vollbild anzeigenwurde, ist die Satire nach wie vor bei strenggläubigen Christen umstritten. Der in Tunesien gedrehte Film gilt aufgrund seiner rezeptionsgeschichtlichen Bedeutung als Paradebeispiel für die Reibungspunkte zwischen künstlerischer Meinungsfreiheit und Religionstoleranz. Filmkritiker und die Pythons selbst bezeichnen Monty Python’s Life of Brian aufgrund seiner kohärenten Geschichte und intellektuellen Substanz als das reifste Werk der Komikergruppe. Zahlreiche Umfragen bestätigen den anhaltenden Erfolg beim Publikum. Das Abschlusslied Always Look on the Bright Side of Life wurde sogar weit über den Filmkontext hinaus bekannt -nur scheinbar nicht bis ins Feuilleton der „Qualitäts-Journalisten“-Postille Süddeutsche. Dort übt man sich im seichten Infotainment und schafft mit Jedi-Ritterromantik ein werbefreundliches Klima:

„George Lucas hat sein Dorf zum Filmen mit weiten Fluchten und Lichtschneisen geplant – ideal für Fotosessions in Jediritter-Pose und mitgebrachtem Kostüm. Die beste Anreise ist bei untergehender Sonne: Wenn man im Geländewagen fahrend die Augen etwas zukneift, fliegen die Lichtblitze der Glimmersteine im Sand an einem vorbei wie Sterne im Hyperraumflug.“  Michael Zirnstein in Süddeutsche

Nun ja, nichts gegen etwas nette Berichterstattung über Tunesien. Aber der kommerzielle Charakter des Artikels kommt etwas allzu plakativ daher. Darunter findet sich in der SZ dann passend auch gleich Werbung für Flug und Hotel ins Cineasten-Paradies Tunesien: „Tunisair fliegt von Frankfurt nach Tozeur, hin und zurück ab ca. 400 Euro, tunisair.com. Von dort bietet sich eventuell eine Weiterfahrt mit dem Hotelshuttle oder mit einem Mietwagen bis nach Tamerza oder Nefta an…  Hotel Dar Hi, Quartier Ezzaouia in Nefta, Preis pro Nacht im Doppelzimmer inklusive Vollpension ab ca. 300 Euro, Tel. 00216/21 67 42 98, www.dar-hi.net;

Zielgruppe: Jedenfalls keine Fans von anarchisch-politischem Autorenkino… Star Wars? Da kann man gleich Zombifilme wie Walking Dead gucken. Was für ein Wunder, wenn die pseudo-liberal bis neoliberalen Besitzbürgertums-Blätter pleite gehen (siehe Frankfurter Rundschau). Statt sich ans neoliberale dumpfe Infotainement anzupassen, wären sie doch besser als Liberale alter Schule in Ehren untergegangen, statt sich vorher noch zum Narren zu machen. (Vielleicht wären sie dann ja gar nicht untergegangen?)