Bertelsmann hygge: Vollgelallt und eingelullt

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Konsum-Zombies sind keine Pazifisten

Nora Drenalin

Eine neue Medienhype geht um: Bertelsmanns RTL-Senderfamilie singt ihr Hoisiana auf das neue Bertelsmann-Heft „hygge“, aber auf die öffentlich-rechtsdrehenden Sender schnappen über vor Freude: Der Deutschlandfunk jubelt „Das neue Magazin ‚hygge‘ startet mit 120.000 Auflage!“ Die G+J Food & Living GmbH präsentiert „Gemeinsam kochen, lachen, Beeren sammeln –Endlich Ferien“.

hygge –Das Magazin für das einfache Glück

Neu ist übertrieben, denn das Heft ist nur eine Variation des typischen Frauenmagazins. Zielgruppe: Nordsee-Urlauber, da freut sich die Mainstream-Uschi in ihrer Redaktion bei Süddeutsche (SZ) oder ZEIT (G+J, Bertelsmann-nah). Gemüüütlich, merkelig, matschig im Kopp. Dänemark als Flair? Strandfotos satt bietet „hygge“, Backtipps für dänische Zimtschnecken, Blaubeer-Rezepte, Beziehungstipps im Urlaub. Man soll sich fühlen wie am Strand, eingeschläfert von skandinavischer Gemütlichkeit (dän. hygge), wie von zwei Tabletten Valium , die manche Leserin wohl eh genommen hat. Laaaangweilig. -Wenn es nicht Teil eines heimtückischen  Planes perfider Medienmacher wäre.

Die Nazi-Vergangenheit der Wohlfühl-Magazine

Wohlfühl-Magazine haben Hochkonjunktur. Während die klassische Tageszeitung ums Überleben kämpft, sahnen am Kiosk Dutzende Zeitschriften ab: Hunderttausende bis über eine Million Stück kauft die vor allem weibliche Leserschaft jeden Monat und bekommt Hochglanzbilder von einer heilen Welt, Backrezepte, Reisetipps dafür. Der Geist wird in den Urlaub geschickt –oder in eine Hirnwäsche zur vorsätzlichen Verblödung? Die Entpolitisierung der Frauen –ist sie Ursache oder Ergebnis solcher Presseprodukte, mit denen besonders der Medienmoloch Bertelsmann Milliarden umsetzt? Bertelsmann hatte schon im Dritten Reich von Goebbels den Auftrag erhalten, mit einlullender Billig-Literatur den Landser an der Ostfront in feel-good-Zustand zu versetzen.

Diesen Teil seiner Firmengeschichte hatte der Konzern bzw. sein Boss, der Medienmogul Mohn, wohlweislich vertuschen lassen. Wie viele Firmen erfand man Widerstands-Legenden. Doch das Einlullen durch Voll-Lallen im Wohlfühlmodus war unverzichtbarer Teil der NS-Mordmaschinerie. Heute dient es der politischen Ruhigstellung von allen Frauen, die das wollen. Würden sie es auch wollen, wenn sie nicht von generalstabsmäßig geplanten Werbefeldzügen  dazu verführt würden? Ist Verführung das richtige Wort? Oder wäre Manipulation eine bessere Beschreibung?

Es geht um Verhaltenssteuerung durch perfide Psychologen und PR-Experten, denen in der heute vermittelten Schulbildung kaum etwas entgegengesetzt wird. Kein Wunder, denn der Bertelsmann-Konzern hat einen Think Tank, die sogenannte „Bertelsmann-Stiftung“. Und dieser Think Tank ist nicht nur mit seinen sogenannten „Studien“, meist durch schlichte Küchenpsychologie bemäntelte politische Kampagnen, in den Medien omnipräsent (ARD-Tagesschau: „eine Studie der Bertelsmann-Stiftung hat ergeben…“). Die Bertelsmann-Stiftung „engagiert“ sich besonders im Bereich Schule, wo sie für eine stromlinienförmige Anpassung von Lehrplänen, Unterricht, Lehrern und Schülern an die Bedürfnisse des neoliberalen Kapitalismus sorgt. Sie macht Lobbyarbeit in Bildungspolitik, sponsert Didaktik-Profs, die neoliberale „Wirtschaftskunde“ durchsetzen wollen und stellt den durch Sparmaßnahmen im Bildungsbereich (Bertelsmann-Kampagnen: 1. Steuern senken! 2. Die Kassen sind leer! 3. Schlanker Staat!) gestressten Lehrern mit breitem Grinsen Unterrichtsmaterialien ins Netz (zum Thema Finanzpolitik gibt’s z.B. was aus der PR-Abt. von Banken).

Konsumzombies statt Medienkritik

Medienkritik und kritisches Denken wird bei Bertelsmann natürlich weggelassen oder als „Modetrend der 70er-Jahre“ hingestellt, den man schnell vergessen sollte. Aber es ja nicht so, dass keine Fragen mehr gestellt würden. „hygge“-Medienreflexion klingt so: „Warum das Phänomen ‚hygge‘ so zufrieden macht“? Fragen, die man sich unbedingt stellen sollte. Wer will schon über kriegslüsterne Nato-Ölraubzüge in Irak und Syrien nachdenken, die sich hinter wohl dosiert lancierter Terrorpanik und Sicherheits-Gequatsche von Mutti Merkel verbergen? Oder über abstürzende Löhne und gestohlene Soziale Rechte bei zugleich explodierenden Firmengewinnen und Top-Einkommen? „hygge“ sicher nicht.

So fallen Frauen später in die klebrige Wohlfühl-Falle des manipulativen Einheitsbreis von „hygge“. „Schöner Wohnen“, „Landliebe“ & Co. Männer gelten als schwierigeres Publikum, sie werden mit der Illusion maskuliner Allmacht im Bastelkeller gelockt, als Out-door-Tarzan oder Actionheld am heimischen PC. Auch für sie liegen dutzendweise Hochglanzmagazine bereit, die aber weit weniger Absatz verzeichnen und von ihren Schreibern mehr Fachwissen verlangen. Das Ziel ist freilich dasselbe: Verblödung, Entpolitisierung, Anpassung an die neoliberale Welt der Marktmenschen und Konsumzombies.

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Voller Erfolg: Die Toten kommen zu Merkel

Nora Drenalin ZPS_Gedenkbogen

Kunst macht Politik war das Programm des „Zentrum für politische Schönheit“ (ZPS) am Sonntag. Wie bei uns angekündigt, bekam Merkel Besuch von einem Trauerzug für die im Mittelmeer ertrunkenen Flüchtlinge. Das ZPS machte damit auf die Verlogenheit aufmerksam, mit viel Pomp und Pathos 100 Mauertoten der DDR zu gedenken, aber Tausende „Mauertote“ der Festung Europa an der EU-Südflanke kaum mehr als ein Achselzucken zu spenden.

Die Aktion am Wochenende bekam polizeiliche Auflagen der Superlative: Das „Mitführen von Baggern“ vor das Kanzleramt wurde untersagt (auf ihrer Website hatten die Künstler in satirischer Absicht Bagger abgebildet, mit denen  angeblich die Gräber ausgehoben werden sollten). Alle Särge oder „sargähnlichen Behälter“, die mitgeführt werden sollten, hätten die Demonstranten vorher in der zuständigen Gerichtsmedizin zur Kontrolle vorlegen sollen (hätte ja wirklich ein Toter drin liegen können und den Anblick wollte man normalen Polizisten wohl nicht zumuten). Die ARD-Tagesschau berichtete jedenfalls und brachte damit ein Thema auf die Agenda, das sonst von den Medien abgetan wird. Das Schicksal massenhaft sterbender Flüchtlinge wurde jedoch medial weniger aufgegriffen als erhofft.

ARD: Mittelmeer-Massenmord ist bloß EU-„Abschottungspolitk“

Auch die ARD konzentrierte sich auf den Tabubruch, menschliche Leichen in politischen bzw. künstlerischen https://pbs.twimg.com/media/CICCZCLWwAASsa2.jpg:origAktionen zu verwenden: „Ob das ZPS tatsächlich Leichen von Flüchtlingen durch Berlin gefahren hätte, darüber war in den vergangenen Tagen heftig spekuliert worden. Die Künstler selber blieben stets bei ihrer Behauptung, blieben bei der Frage, ob es sich um eine Inszenierung handele, aber vage.

Der ARD-Tagesschau-Bericht blieb beimZiel der Demonstration seinerseits vage, gab aber immerhin zu, die Aktion habe „so gegen die Abschottungspolitik der Europäischen Union demonstrieren“ wollen, siehe ARD. So spielt unsere Mainstream-Journaille den wahren Skandal herunter: Das tägliche Massensterben, um nicht zu sagen Massenmorden, an der Mittelmeer-Seegrenze der EU ist der ARD nur ein kaltes Wort wert -„Abschottungspolitik„.

Das Gedenken vor Merkels Kanzleramt stand unter dem Titel „Den unbekannten Einwanderern“ (angelehnt an zahllose deutsche Mahnmale, die den unbekannten Soldaten errichtet wurden). Das ZPS hatte bereits eine Parallele von Frontex-Toten im Mittelmeer und Mauertoten gezogen -nur letzteren widmete die deutsche Justiz und die politisch stramm rechts stehende Mehrheit der Politkaste ihre Aufmerksamkeit (denn da konnten sie ihren ideologischen Hass auf die sich sozialistisch nennende DDR austoben).

Vom ZPS wurden einige Flüchtlingsleichen tatsächlich nach Deutschland umgebettet, zuletzt eine Mutter mit ihrem Kind und ein 60jähriger Moslem. Vor den Gedenkfeiern zum Mauerfall in Berlin hatte die Gruppe im letzten Jahr Gedenkkreuze entwendet, um sie an der EU-Südgrenze für die Mittelmeer-Toten, die neuen “Maueropfer” zu errichten. Es gab Strafanzeigen und Ermittlungen wegen Diebstahl. Mehr zum Hintergrund

Merkel hat Besuch: Leichen vor das Kanzleramt

Nora Drenalin ZPS_Gedenkbogen

Das „Zentrum für politische Schönheit“ will mit Aktionskunst auf den menschenverachtenden Zynismus von Merkels Politik aufmerksam machen. Berlin ist fein raus im europäischen Flüchtlingsdrama, die Regelung mit den „sicheren Drittstaaten“ lässt alle Asylbewerber in den Außenländern vor allem im Süden. Spanien, Italien, Griechenland, gerade die ärmsten Europäer, haben die menschliche Not zu bewältigen, die von einer ungerechten Welt und den vor allem vom Westblock nach Afrika und Nahost getragenen Kriegen herrühren. Merkel sitzt grinsend im Kanzleramt, faltet die Hände im Schoß zur Merkelraute. Damit ist jetzt Schluss, denn die Toten kommen vom Mittelmeer nach Berlin. Geplant ist die Errichtung eines Gräberfeldes unter einem gigantischen Gedenkbogen vor dem Regierungspalast (siehe Abbildung).

Geplantes Gräberfeld vor Kanzleramt

Passend zur Free-TV-Premiere des Zombiefilms „Apokalypse Z“ am Sonntag greifen Künstler das Thema politisch auf: „Die Toten kommen!“ Ob dies ein paar Medienzombies von den Mattscheiben locken wird? Mit einem „Marsch der Entschlossenen“ will das Zentrum für politische Schönheit (ZPS) am kommenden Sonntag unsere politische Kaste aus dem von Lobbyisten gespendeten Champagnersuff wecken. Wir werden „mit den Toten Kurs auf das Kanzleramt nehmen und die Grundsteine des Vorplatzes für ein Friedhofsfeld der Superlative aufstemmen: eine Gedenkstätte für die Opfer der militärischen Abriegelung Europas“.

Wann findet die Kunstaktion statt? Am kommenden Sonntag, 21.Juni.2015, 14:00 Uhr. Startpunkt: Unter den Linden 12 (Ecke Charlottenstraße). Der Aufruf an alle, denen Tausende Tote am Südwall der „Festung Europa“ nicht egal sind: „Seien Sie bei der Neugestaltung des Vorplatzes dabei und behilflich. Bringen Sie Blumen, Schaufeln, Steinpickel oder gleich Presslufthammer mit!“

Das Gedenken wird unter dem Titel „Den unbekannten Einwanderern“ stehen (angelehnt an zahllose deutsche Mahnmale, die den unbekannten Soldaten errichtet wurden). Das ZPS hatte bereits eine Parallele von Frontex-Toten im Mittelmeer und Mauertoten gezogen -nur letzteren widmete die deutsche Justiz und die politisch stramm rechts stehende Mehrheit der Politkaste ihre Aufmerksamkeit. Jetzt wurden einige Flüchtlingsleichen tatsächlich nach Deutschland umgebettet, zuletzt eine Mutter mit ihrem Kind und ein 60jähriger Moslem. Vor den Gedenkfeiern zum Mauerfall in Berlin hatte die Gruppe im letzten Jahr Gedenkkreuze entwendet, um sie an der EU-Südgrenze für die Mittelmeer-Toten, die neuen „Maueropfer“ zu errichten. Es gab Strafanzeigen und Ermittlungen wegen Diebstahl.

Die Toten kommen zu ihren bürokratischen Mördern

Nun rücken die Aktionskünstler den Machthabern in Berlin näher: Kanzlerin, Kabinett und Besucher müssten künftig nicht nur metaphorisch über Leichen gehen. Europas Grenzen sind militärisch abgeriegelt, stellt das ZPS ganz richtig fest, sie sind jetzt die tödlichsten Grenzen der Welt und Jahr für Jahr sterben Tausende Menschen beim Versuch sie zu überwinden:

ZPS-Aktionskünstler mit ihren schwarzen „Menschheit“-Shirts

„Europa hat den Einwanderern den Krieg erklärt – ein Krieg, dem ausschließlich Zivilisten zum Opfer fallen: am Evros, auf dem Mittelmeer und sogar in Nordafrika. Die Opfer dieses Krieges werden massenhaft im Hinterland südeuropäischer Staaten verscharrt. Sie tragen keine Namen. Ihre Angehörigen werden nicht ermittelt. Niemand schenkt ihnen Blumen.

Das Zentrum für Politische Schönheit ändert das jetzt. Die Toten Einwanderer Europas kommen in den nächsten Tagen von den EU-Außengrenzen in die Schaltzentrale des europäischen Abwehrregimes: in die deutsche Hauptstadt – direkt vors Bundeskanzleramt. In einer großangelegten Aktion werden Menschen, die auf dem Weg in ein neues Leben vor wenigen Wochen getötet wurden, direkt zu ihren bürokratischen Mördern gebracht. Wir organisieren die Beerdigungen der Opfer der militärischen Abschottung – im Herzen Europas.

Angela Merkel hat viel Platz für ihre Toten

In Italien und Griechenland stehen aufgrund der Vielzahl der Opfer des Europäischen Abwehrkrieges keine ausreichenden Bestattungsplätze zur Verfügung, verlautet das ZPS, direkt vor den politischen Entscheidungsträgern sei aber noch Platz. „Die Toten kommen“ lautet ein Motto der Aktion, für die man hier spenden kann, und das ZPS begründet sein Anliegen so:

„Wir verlieren jeden Tag hunderte Einwanderer an unseren Grenzen. In den kommenden Tagen werden Menschen, die auf dem Weg in ein neues Leben an den Außengrenzen der Europäischen Union ertrunken oder verdurstet sind, nach Berlin kommen. Es geht um die Sprengung der Abschottung des europäischen Mitgefühls. Gemeinsam mit den Angehörigen haben wir menschenunwürdige Grabstätten geöffnet und tote Einwanderer exhumiert. Sie sind jetzt auf dem Weg nach Deutschland. Die Angehörigen haben entschieden, was dort geschehen wird. Es wird Europa in einen Einwanderungskontinenten zurückverwandeln!“ ZPS

Nächste Ankunft eines europäischen Mauertoten: Freitag, 19. Juni 2015, 12 Uhr, Friedhof Alter Zwölf-Apostel-Kirchhof, Kolonnenstr. 24-25, 10829 Berlin. Es geht um die muslimische Beerdigung eines Opfers der militärischen Abriegelung Europas (Mann, 60jährig, Torturen / Überfahrt übers Meer nicht überlebt).

Geschichte der politischen Schönheit

Das Zentrum für Politische Schönheit (ZPS) ist ein Zusammenschluss von etwa 70Aktionskünstlern und Kreativen unter der Leitung des Philosophen und Theatermachers Philipp Ruch, der sich bewusst vom Kultur-Wohlfühlbereich der Massenmedien und auch von der klassischen Hochkultur abgrenzt, die nur die Wohlhabenden anspruchsvoll bespaßen und dabei gut verdienen will. Die Künstler definieren das ZPS als Denkfabrik, die Menschenrechte mit Aktionskunst verbindet, so wikipedia. Ziel sei es, durch künstlerische Interventionen auf humanitäre Themen und den Schutz von S801a01rq12fboo2p271Menschenleben aufmerksam zu machen. Genozide, Flüchtlingsbewegungen und politische Untätigkeit sind die Schlüsselthemen des ZPS. Wiedererkennungsmerkmal der Künstler sind mit Kohle geschwärzte Gesichter. Die Asche soll angeblich als mahnendes Symbol an untergegangene Hochkulturen erinnern, aber vielleicht ist es ja eine Low-Tech-Maßnahme gegen den Überwachungsstaat, um Gesichtserkennungs-Software auszutricksen (wo sind die Informatiker, wenn man sie braucht, um uns zu sagen wie wir uns dazu am besten schminken müssen?!).

Ansatz des ZPS ist es, den Wert einer Handlung nicht nach dem jetzigen Nutzen, sondern aus der Perspektive zukünftiger Generationen zu beurteilen. Den Mitgliedern des ZPS geht es nach eigenem Bekunden darum, „die menschlichen Antriebe im reichsten und mächtigsten Land der Europäischen Union: Deutschland“ zu hinterfragen und darüber nachzudenken, „was wirklich große Ziele seien und wie politische Unternehmungen aussehen, die der Nachwelt als Akte strahlender Schönheit erscheinen können“. So wolle man „ein Bewusstsein dafür schaffen, in welch privilegiertem Zustand die Menschen innerhalb der westlichen Zivilisation leben und daran erinnern, welche Verpflichtungen an dieses Privileg geknüpft sind“. Daher sei das ZPS „eine Ideen-, Gefühls- und Handlungsschmiede für Menschen, die umtreibt, wie sie etwas Schönes und Großes tun können“.

Bekannt wurde die Gruppe zunächst mit einem „Thesenanschlag“ auf den Bundestag und einer eBay-Versteigerung von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier. Im Jahr 2009 erinnerte die Gruppe mit Bomben-Attrappen (sogenannten „Lethe-Bomben“) vor dem Reichstag daran, dass die Krematorien im KZ Auschwitz von den Alliierten nicht angegriffen wurden. Die bislang größte Aktion ging der Verantwortung der UNO für das Massaker in der „UN-Schutzzone“ Srebrenica nach, dort wurde 2010 -an Auschwitz erinnernd- aus aus 16.744 Schuhen, die an die 8.372 Toten erinnern sollten, ein großes „UN“ gebildet: Eine etwa 8 Meter hohe und 16 Meter breite Betonskulptur gegen die Vereinten Nationen -die „Säulen der Schande“.

In einem offenen Brief an den Generalsekretär der Vereinten Nationen erklärte das Team zu den Beweggründen: „Wir haben großen Respekt vor den meisten UNO-Abteilungen, angefangen vom UNHCR bis zum WFP. Aber die Machenschaften des DPKO reißen die gesamte Organisation in die Tiefe. Die Verbrechen einer Abteilung können alle guten Taten zunichte machen. […] Wenn wir weiter in der moralischen Gewissheit leben wollen, etwas aus den schlimmsten Ereignissen des 20. Jahrhunderts gelernt zu haben, können wir Ihren Machenschaften nicht länger zusehen. […] Die UNO ist das einzige Instrument, das wir besitzen, um Genozide zu unterbinden. Menschen wie Raphael Lemkin sind Helden der Geschichte. Sie haben Akte von unfassbarer politischer Größe, Tragweite und Schönheit ins Werk gesetzt. Aber was die UNO in Bosnien angerichtet hat, lässt den Traum zerbrechen, dass wir heute in der Lage wären, den Bau von Auschwitz zu verhindern.“ Die Veröffentlichung des Briefes löste in Bosnien ein breites Echo aus. Die populäre Tageszeitung Dnevni avaz druckte den Brief auf der Titelseite. Eine weitere Aktion setzte eine Belohnung von 25.000 Euro für Hinweise auf Verbrechen aus, die die Eigentümer der Panzerschmiede Krauss-Maffei (Leopard) hinter Gitter bringen würden, nach Klagen musste diese Aktion eingestellt werden.

 

 

The Walking Dead: Zombi-Kapitalismus von Bertelsmann

Nora Drenalin 12.November 2012 

Die Medienzombies haben zugeschlagen und uns ein neues Genre kreiert: Die Zombie-Western-Schnulze –und die kommt zum deutschen Fernsehzuschauer gleich als Halloween-Serie bei RTL2 (Bertelsmann). Unsere Medien- und Finanzeliten haben von ihren Filmfirmen eine Fantasiewelt erschaffen lassen, die ihren Plänen den Weg bereiten und zugleich Millionen einspielen soll.

Wie soll man die Welt sehen? Kurz vor der Apokalypse natürlich, so steht‘s schon in der Bibel und der reaktionäre US-Redneck, der etwa die Hälfte der US-Wähler ausmacht, glaubt daran. Die gesellschaftliche Ordnung von Oben und Unten ist gottgewollt und im Himmel zählt nur, wer tüchtig gebetet hat und ein frommes Leben führte, also vor allem keine Abtreibung, auch bei Vergewaltigung nicht, nur ehelicher Sex, außer einer Vergewaltigung vielleicht, Jesus wird’s schon verzeihen, wenn der Cowboy einen zuviel getrunken oder die Schlampe es einfach mal verdient hat: „The Walking Dead -Das Ende der Zivilisation?“ Bei den fundamentalistischen US-Bibelchristen hat es längst stattgefunden.

The Walking Dead -Das Ende der Zivilisation?

So bewirbt Bertelsmann seine Free-TV-Premiere in düsteren braungrünen Farbtönen: Die Silhouette eines Cowboyhut-Trägers, den Colt in der Hand auf ein Farmhaus zulaufend. Es ist der Held der Serie, Sheriff Rick, unterwegs um Zombies zu töten und rechtschaffen seine Frau und seinen Sohn zu beschützen.

Das Ende der Zivilisation kommt als heimtückische Seuche über die Menschheit: Ein Virus verwandelt das Hirn aufrechter Bürger in einen teuflischen Matschklumpen, der sie in den stupiden Irrsin und zu satanischen Untaten treibt. Sie sind nicht mehr zu vernünftigen Handlungen fähig, können nicht mehr wie Menschen miteinander kommunizieren und kennen nur Gewalt und den Kampf ums Überleben. Ihr Triebleben gerät außer Kontrolle, sie benehmen sich wie tobende Teenager, die Frauen kreischen, die Männer prügeln um sich. Soweit die Hauptpersonen der Serie, die Zombies selbst sind noch schlimmer dran: Bei ihnen hat das Virus das tote Hirn reanimiert, wie es sich für Untote gebührt, und sie zu Anti-Vegetariern mit besonderem Faible für Menschenfleisch gemacht. Sie stolpern ziemlich hurtig einher und können immerhin Türen öffnen.

Für Sheriff Rick und seine Truppe sind sie einzeln kein Problem, denn sie sind unbewaffnet, geistig auf dem Niveau von Schimpansen und gnadenlos böse. Kurzum: Fantastische Feinde, um der Mordlust mal so richtig freien Lauf zu lassen. Damit es spannend wird und auch das Heldenhafte der Hauptpersonen zur Geltung kommt, sind sie aber meist in der Überzahl und beißen so manchen schaurig Kreischenden. Es spritzt das Blut und die Gedärme, dass ein jeder Horrorfan nur jubeln kann.

Aber auch Tränen fließen ohne Ende, denn die Hollywood-Mogule wollen nach dem Vampir-Schnulzen-Boom auch mit ihrem Zombie-Epos das zarte Geschlecht erreichen und erweichen. Also wird um die lieben zerfleischten Töchter, Babies, Mütter und Freundinnen gewimmert und gejault zum Grabsteinerweichen. Und wenn die bitteren Tränen endlich versiegen, holt frau ein Familienalbum hervor, das sie gegen Cowboys Befehl heimlich anstatt Vorräten eingepackt hat, und das Wimmern und Weinen geht weiter -um die Verstorbenen und die gute alte Zeit, als man noch warm duschen, bei MacKotznald Burger mampfen und danach dem Penner in der Gosse die Reste zuwerfen konnte. Das Soap-Potential einer Hillbilly-Gang wird voll ausgereizt: Die Frau von Sheriff Rick hat in dessen Abwesenheit mit dessen bestem Freund gepoppt und ist nun schwanger. Oha. Dann taucht Rick wieder auf und –Überraschung– lebt noch. Wie in einer Schnulze eben: Dunkle Geheimnisse und Konflikte ohne Ende. Gelöst werden sie durch viel Geschrei, Geheule, Rumfuchteln mit Schießeisen, Prügeln und Waffengewalt. Wie im Western eben: Der bessere Psychopath gewinnt.

Dabei hat die Truppe auch ihre Minderheiten: Den schwarzen Underdog, der auf big Gangsta-Raper macht, aber immer über seine eigenen Füße stolpert und sich dabei selbst aufschlitzt, und den schlauen kleinen Asiatenboy, flink, aber leider zu feige, um ordentlich wie ein richtiger Mann mit Schießeisen auf Zombie-Jagd zu gehen. Und den white trash, Weißen Abschaum, zwei Brüder, die, weil rassistisch und drogensüchtig, leider so unberechenbar sind, dass man einen gleich den Zombies zum Fraß vorwirft. Der andere wird resozialisiert und darf auf seinem mit SS-Runen geschmückten Motorrad den Scout spielen. Wer beim Psychopathen-Casting nicht mitspielen will, hat’s schwer: Der bibeltreue Trinker, der sich von seiner mit Zombie-Virus infizierten Familie nicht trennen will, wird mit vorgehaltener Kanone vom Gegenteil überzeugt, Frau und Kinder zusammengeschossen. Dabei hatte er auf seiner Farm Sheriff Rick‘s Truppe großherzig Asyl gewährt.

Der letzte zaghafte Verfechter der Vernunft, ein Senior, der gegen Folter und Hinrichtung Unschuldiger ist, findet keine Anhänger in der Truppe. Alle wollen lieber morden als ihre Vorräte teilen und Kooperation als Lösungsweg ist so indiskutabel wie Kommunismus auf einem Parteitag der SPD. Oder wie Umweltschutz und Gesundheitsversorgung auf einem Parteitag der US-Republikaner. Der vernünftige Alte ist wirklich der letzte Mensch, der nach europäischen Maßstäben noch als Nichtpsychopath durchgehen würde, aber den Letzten beißen bekanntlich die Zombies. Vernunft ist von gestern, Demokratie ist out, Mitleid gibt’s nur noch mit der eigenen Sippe, falls sie nicht zu lästig wird. Die Welt ist böse, allein die Killer überleben.

 Zombie-Ethik für den Zombi-Kapitalismus

Soweit der familiäre Teil. Doch was passiert beim Treffen auf andere Überlebende? Essen ist knapp und trauen kann man niemandem –also gibt es Krieg. Gefangene werden zwar gemacht, aber nur um sie zu verhören, zu foltern und schließlich ohne trifftige Grund hinzurichten, immerhin mit ein paar Gewissensbissen bei einigen wenigen. Guantanamo-Training für Hinterweltler. Die meisten finden es aber gut, wenn „jemand die schweren Entscheidungen für sie trifft“. Der Killer oder Folterknecht kann sich deshalb als großer Beschützer in die Heldenbrust werfen und die „Demokratie“ wird schnell abgeschafft –zugunsten des Führerprinzips. Abstimmungen fanden ohnehin kaum statt und meist zielte dabei der, der sie ausrief, mit einer Waffe auf die anderen. Beim Kampf der Alpha-Männchen setzt sich natürlich der Beste durch, der rechtschaffene Sheriff Rick.

Wenig überzeugend ist der einzige Vertreter einer geistigen Elite, der Wissenschaftler. Die Truppe findet ihn in einem ominösen Seuchenzentrum, wo die Armeeposten schon von Zombies überrannt wurden. Der Nerd hat sich als letzter Überlebender eingebunkert, öffnet aber schließlich das Tor –wie man später erfährt, aber nur deshalb, weil die Ölvorräte erschöpft sind und sich die Anlage in wenigen Stunden selbst vernichten wird. Mit letzter Kraft flüstert er Rick noch ein dunkles Geheimnis ins Ohr und man darf sich ein paar Folgen lang fragen, ob es a) ihr seid alle infiziert oder b) wir Wissenschaftler haben das Virus als Biowaffe entwickelt ist. Soviel kann verraten werden: Es ist die Variante, die am wenigsten von den mickrigen Resten politischer Kritik enthält, die zum diesbezüglichen, erbärmlichen Traditionsbestand der US-Kinokultur gehören.

Und die Moral von der Geschicht‘?

Unsere Medien- und Finanzeliten haben von ihren Filmfirmen eine Fantasiewelt erschaffen lassen, die ihren Plänen den Weg bereiten und zugleich Millionen einspielen soll. Daraus können wir einiges lernen: Erstens lernen wir aus The Walking Dead wie sie, die Medien- und Finanzeliten, wollen, dass wir, die Medienkonsumenten, die Welt sehen. Aber zweitens können wir auch etwas darüber lernen, wie Medien- und Finanzeliten selbst die Welt und darin uns, die Medienkonsumenten, sehen. Denn in ihrem Bestreben uns zu manipulieren versteckt sich auch ihre Sicht der Dinge –schließlich hätten sie ihre Absichten auf vielen verschiedenen Wegen in das Medium Film gießen lassen können, aber sie wählten die Zombie-Western-Schnulze.

Und wie soll man die Welt nun sehen? Kurz vor der Apokalypse natürlich, so steht‘s schon in der Bibel. Der reaktionäre US-Redneck, der etwa die Hälfte der US-Wähler ausmacht, glaubt daran (Schwarze und Latinos werden traditionell mit schmutzigen Tricks von ihrem Wahlrecht ferngehalten). Die gesellschaftliche Ordnung von Oben und Unten ist gottgewollt und im Himmel zählt nur, wer tüchtig gebetet hat und ein frommes Leben führte, also vor allem keine Abtreibung, auch bei Vergewaltigung nicht, nur ehelicher Sex, außer einer Vergewaltigung vielleicht, Jesus wird’s schon verzeihen, wenn der Cowboy einen zuviel getrunken oder die Schlampe es einfach mal verdient hat: „The Walking Dead -Das Ende der Zivilisation?“ Bei den fundamentalistischen US-Bibelchristen hat es längst stattgefunden.

Platter Sozialdarwinismus wird im US-Film als fairer Kampf ums Überleben hingestellt, die Sieger als strahlende Helden –zufällig genau die reiche weiße Herrschaftselite, denen die Filmindustrie gehört. Politische Konflikte werden wie im Mittelalter gelöst, nur gegen die echte Aristokratie hat der Geldadel Vorbehalte. Aber wenn der Führer sich Sheriff nennt statt König, ist die Diktatur schon o.k.; wichtig ist ja der Kampf um’s Überleben und um den Besitz.

Die Botschaft des Zombie-Epos ist simpel: Denk nur an dich selbst, vielleicht noch an deine Sippe, aber alle anderen sollen dir egal sein. Lass‘ sie verrecken –sie würden’s mit dir ja genauso machen. Komm auf keinen Fall auf die Idee, vernünftig eine demokratische Gesellschaft zu organisieren. Das ist was für Weicheier und hat noch nie irgendwo funktioniert. (Platter Sozialdarwinismus eben.)

Wer so handelt, macht zufällig genau das, was der reichen weißen Herrschaftselite nützt, der die Filmindustrie gehört. In so einer Gesellschaft, wie sie die USA ja mehrheitlich darstellen, macht es keinen Sinn, Reiche Steuern zahlen zu lassen. Sie sind doch die Winner, sie haben ihren Luxus verdient und jeder hat doch die Chance, ein Winner zu sein. Das ist der „amerikanische Traum“. Seltsamerweise bleiben die Reichen aber reich, die Armen arm und Tellerwäscher-Millionäre muss man mit der Lupe suchen. Das frustriert. Kein Wunder, dass man immer mal wieder ein paar Schwarze, Schwule, Juden oder Kommunisten massakrieren muss. „Tötet sie! Halleluja! Kinder, Essen kommen! Und ich liebe dich auch.“ Soweit also das übliche Programm für den banalen Hollywood-Hirnwaschgang.

Wir sind die Zombies

Und nebenher gibt die herrschende Geldelite vielleicht noch unbewusst preis, was sie von uns Normalsterblichen denkt: Wir sind die Zombies. Für Superreiche, die niemals arbeiten mussten und auch künftig niemals werden arbeiten müssen, sieht die Welt ganz anders aus. Man kann sich mit Firstclass, Yacht und Jet überall hin bewegen, während der Rest mühsam einher torkeln muss, in Autos, U-Bahn und zu Fuß. Geld spielt keine Rolle, obwohl es für die anderen ein extremes Problem darstellt, Geld zu bekommen. Das macht arrogant, aber auch ängstlich. Die anderen sind so viele und sie wollen alle Geld –für die Superreichen ist Geld Fleisch von ihrem Fleisch (über Blutsbande geerbt, meistens). Und dieses Geldfleisch wollen die ewigen Hungerleider ihnen, den Elitären, dauernd von den Knochen nagen… wie Zombies eben. Zum Glück sind sie dumm, unbewaffnet und einzeln wehrlos –und man darf ihnen den Schädel einschlagen, wenn man genug Macht hat, gute Anwälte, gekaufte Staatsanwälte und Richter… Kurzum: Wir sind deren Zombies! Wir sind schwach, aber wir sind viele –und wenn wir kommen, bleibt nur noch die Flucht aus der schönen Luxusvilla.