Schlag ins Gesicht: Sherlock Holmes meets Wikileaks

Sherlock Holmes (Benedict Cumberbatch)

Nora Drenalin 9.May 2013

Sherlock-Star Benedict Cumberbatch soll in dem Streifen „The Fifth Estate“ Julian Assange spielen. Jetzt bemühte er sich jedoch vergeblich um ein Interview mit dem WikiLeaks-Gründer. Ein Schlag ins Gesicht der Kulturindustrie. Sie ist es gewöhnt, dass sich ihr heute alle geschmeichelt zu Füßen werfen, wenn ein Film über sie geplant ist. Etliche Journalisten, die Assange auf dem Gipfel der medialen Hetzkampagne gegen ihn „Egomanie“ vorgehalten hatten, sollten sich jetzt wohl bei ihm entschuldigen. Cumberbatch war „not amused“.
Immun gegen Starkult
Sherlock-Star Benedict Cumberbatch versuchte vergeblich ein Interview von WikiLeaks-Gründer Julian Assange zu bekommen. Ein Schlag ins Gesicht der Kulturindustrie, die es gewöhnt ist, dass sich ihr alle geschmeichelt zu Füßen werfen, wenn ein Film über sie geplant ist. Jetzt sollten einige Journalisten sich wohl bei Assange entschuldigen, die ihm auf dem Gipfel der von den USA lancierten medialen Hetzkampagne gegen ihn stereotyp narzißtische Egomanie vorgehalten hatten: Ein Narzißt hätte einem solchen Treffen kaum widerstehn können.
Nach Unterzeichnung seines Filmvertrags für die Assange-Rolle wollte Cumberbatch  den Starhacker studieren, um an einer möglichst ähnlichen Darstellung zu arbeiten. Aber der „berüchtigte Internet Hacker “ (Starpost) weigerte sich, ihn zu treffen. Was für ein Skandal! Darf sich eine öffentliche Person heute noch dem Starkult der Hollywood-Kulturindustrie entziehen? Im Kampf um das knappe Gut Aufmerksamkeit sind normalerweise alle Akteure um das Auge der Kamera bemüht. Julian Assange wurde von einem Heer gleichgeschalteter Medienarbeiter und pseudointellektueller TV-Psychologen immer wieder pathologischer Geltungsdrang, Egomanie und sogar Narzißmus angedichtet. Seine Ablehnung des Treffens mit dem ihn verkörpernden Kultstar Cumberbatch beweist das Gegenteil. Selbstdarstellung üben manche eben nur für die gute Sache.
Cumberbatch: ‚Julian Assange refused to meet me‘
Der britische Schauspieler spielt den Wikileaksgrüner im geplanten Film The Fifth Estate, aber er gibt zu, dass er bislang nicht in der Lage ist, die Rolle mit Leben zu füllen. Der als Sherlock-Holmes-Darsteller berühmt gewordene Mime drückte seine Enttäuschung, wenn nicht Empörung aus, von Julian Assange zurück gewiesen worden zu sein: „Julian Assange refused to meet me„.
Cumberbatch behauptete in einem Promi-Magazinchen, er wolle Assange nicht zum Narren machen, sondern eine faire Darstellung abliefern. Denn es sei eine lebendige Geschichte und die moralische Verantwortung wäre dabei ein Teil des Jobs. Cumberbatch: „He felt that a meeting would condone a film he felt was too poisonous an account. He got hold of an old script and all sorts of issues blew up when we were filming. He tried to attack it and in his position I’d do the same, probably. We had a discussion, though, which was good. If Julian is feeling that way, politically he’s right not to let that (a meeting) happen, because it would be like a blessing.“
Assange hätte also das Gefühl gehabt, so Cumberbatch, dass ein Treffen mit ihm einen Film fördern würde,  in dem vergiftete Botschaften transportiert werden könnten. Aber Assange hätte nur ein altes Skript des Films gekannt, an dem allerhand auszusetzen war, und ging daher in Verteidigungsposition, denn er fühlte sich davon angegriffen. Bei einer Diskussion hätte Julian sein Gefühl, mit seiner Verweigerung politisch im Recht zu sein plausibel dargelegt.
Dazu hatte es dem Wikileaksgründer vermutlich nicht an Argumenten gefehlt. Er war bei der Guardian-nahen feindselig-hetzerischen „Dokumentation“ Wikileaks – Secrets and Lies von den Filmemachern übel hereingelegt worden: Aus einem mehrstündigen Interview hatten sie nur ein Minuten herausgeschnippelt, die ihn in ein besonders negatives Licht rückten -und diese O-Töne dann heimtückisch so zwischen einen Schwall von Verleumdungen und Diffamierungen platziert, dass Julian am Ende als Ungeheuer dargestellt wurde. Der Assange-Gegner Domscheit-Berg wurde dagegen freundlich dargestellt und kam ausführlich mit seiner Sicht zu Wort. Dieser letzte Punkt scheint auch im Filmprojekt The Fifth Estate geplant zu sein.
The 5th Estate -Filminhalt
Geplantes Datum des Filmstarts: 15.Nov.2013
Durch die Augen von Daniel Domscheit-Berg, eines frühen Mitstreiters und späteren Kollegen von Julian Assange, folgt die Geschichte den ungestümen, frühen Tagen von Wikileaks bis zum abrupten Ende nach einer Reihe von umstrittenen Leaks, die Assange zum Staatsfeind Nr.1 der USA machten. Der Film will scheinbar die Sichtweise des späteren Wikileaks-Gegners Daniel Domscheit-Berg übernehmen, der sich unter dem Druck der US-Regierungs-Propaganda von Julian Assange losgesagt hatte. Allein dies wäre Grund genug, dem Filmprojekt misstrauisch gegenüber zu stehen.
Domscheit-Berg verließ Wikileaks auf dem Höhepunkt der Angriffe von CIA, schwedischer Justiz, Medien- und Finanzmafia. Assange war gerade auf die Fahndungsliste von Interpol gesetzt worden -ein einmaliger Fall angesichts der windigen Beschuldigungen zweier Schwedinnen, er hätte sie sexuell missbraucht. Im Zuge der stigmatisierenden und verlogenen Hetzkampagne durch die meisten Medien der Welt, die immer wieder die Verleumdung vorbrachten, Julian Assange wäre der „Vergewaltigung“ verdächtigt worden, hatte Domscheit-Berg die Flucht ergriffen. Er hatte dies mit angeblich fragwürdigen Taktiken und Ethik bei Wikileaks gerechtfertigt. Sein schnell mit viel Trara ins Leben gerufenes Konkurrenz-Projekt „Openleaks“ hat bislang keine nennenswerten Enthüllungen präsentieren können. Für sein bei der Propagierung von „Openleaks“ an den Tag gelegtes Verhalten wurde Domscheit-Berg aus dem Chaos Computer Club (CCC) ausgeschlossen, der Hacktivisten-Vereinigung, in der er Julian Assange kennen gelernt hatte. Der CCC fühlte sich von Domscheit-Berg auf ethisch fragwürdige Art für das „Openleaks“-Projekt taktisch missbraucht.
Wikileaks: Theater ließ Filmindustrie weit hinter sich

Eine vermeintlich alte Kunstgattung hat die Filmindustrie bei der Arbeit mit dem Wikileaks-Stoff  ohnehin schon lange überholt: Das Bühnentheater. Mit “Assassinate Assange” hat Angela Richter in den Kulturbetrieb transferiert, sicher finanziell nicht so lukrativ wie es die Hollywood-Kulturindustrie plant, aber dafür vermutlich origineller und für Wikileaks weniger unangenehm. Wikileaks drang damit erstmals in die sogenannte “Hochkultur” ein, wo betuchte Herrschaften und die kulturellen Bohemiens (meist die rebellierenden Sprösslinge betuchter Herrschaften) gemeinsam die Real-Life-Eventkunst des Bühnentheaters genießen können. Für die Massen gibt es dagegen Kino und Fernsehen. Julian Assange zeigte sich der Kultur zugeneigter als der Kulturindustrie: Er traf sich mit Angela Richter und hatte sogar einen multimedialen Auftritt in ihrem von der Kritik der Mainstream-Medien wenig beachteten Bühnenwerk.

10 Gedanken zu “Schlag ins Gesicht: Sherlock Holmes meets Wikileaks

  1. DIe USA beschießen die Welt nicht nur mir Raketen aus Obamas Drohnenflotte.
    Hollywood schießt auf die Hirne… vielleicht ist das sogar wichtiger als Rohstoffländer in leicht zu plündernde Trümmerlandschaften (!shattered states“) zu verwandeln: Obama braucht die weiße Weste.

  2. Cumberbatch ist ja auf die Rolle des leicht irren, aber genialen Nerds festgelegt (irisch-irrer roter Wuschelkopp, auseinanderschielende grünliche Augen) -das Label wollte man Assange anhängen

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