Gladio-Skandal: Nur krümelweise Wahrheit

Gerd R. Rueger 13.07.2013

Die FAZ scheint das erste hiesige Mainstream-Medium zu sein, dass seinen Konsumenten die Gladio-BND-Verbindung wenigstens andeutete -zwar nur ohne genauere Erklärungen, wer Gladio überhaupt ist, und ohne Einschätzung der Dimension des Skandals, aber immerhin. ARD und “SPIEGEL” müssten sich (selbst angesichts der desolaten Minimal-Erwähnung) mit einer aus einer FAZ gefalteten Papiertüte über dem Kopf davonschleichen. Wer mehr wissen will, muss woanders suchen.

“SpiegelOnline” (Bertelsmann) nannte Gladio eine “illegale paramilitärische Geheimorganisation“, die von “Militärs und Geheimdienstler aus mehreren europäischen Ländern” aufgebaut worden wäre (SPIEGEL-Leser wissen weniger). Der “STERN” (Bertelsmann) sprach sogar vom “Aufbau der Untergrundpolizei ‘Gladio’ durch westliche Geheimdienste”.  PHOENIX wusste gestern von Gladio und BND immer noch nichts, brachte aber ein paar historische Details ans Licht:

„Ins Rollen gebracht hat die Affäre die luxemburgische Zeitung d’Lëtzebuerger Land Ende 2012. Das Blatt veröffentlichte wortgetreu ein Gespräch, das Juncker 2007 mit SREL-Chef Marco Mille führte – dieser hatte die Unterredung heimlich mitgeschnitten. Nach Informationen der Zeitung hatte es auch das Gespräch selbst in sich: Mille teilt Juncker demnach darin mit, dass 300.000 Karteikarten oder ähnliche Aufzeichnungen mit Informationen über Bürger und Politiker vernichtet worden seien, die während des Kalten Krieges angelegt worden waren.“ PHOENIX 12.7.2013

Da wird die FAZ etwas präziser und nennt NATO und sogar BND beim Namen, allerdings eher abwiegelnd tief im Text versteckt. Unter der nichtssagenden Zwischenüberschrift „Eine ungewöhnliche Situation“ rückte die FAZ weit unten in ihrem betulich betitelten Text „Europas Dienstältester“ in gerade einmal zwei Sätzen mit einigen angedeuteten Halbwahrheiten heraus, die natürlich gleich mit einem abwiegelnden Zusatz verabreicht werden:

„Die Ermittlungen haben aber dazu geführt, dass nun ein Gerichtsprozess gegen zwei ehemalige Angehörige der Gendarmerie läuft. Um das „Bommeleeër“-Verfahren ranken sich Mutmaßungen über mögliche Verbindungen zu einer von der Nato unterstützten geheimen paramilitärischen Organisation (Gladio). Aussagen eines deutschen Historikers, der auf eine koordinierende Rolle seines für den Bundesnachrichtendienst tätigen Vaters für Gladio verwiesen hatte, sorgten kurzzeitig in Luxemburg für Aufsehen, wurden aber nicht mehr weiterverfolgt. Im Mai tauchten dann Berichte über dubiose Geschäfte luxemburgischer Geheimdienstler mit Luxusautos auf.“ FAZ 10.7.2013

Das „kurzzeitig für Aufsehen“ ist angesichts der hier auf JasminRev dokumentierten Gladio-Berichterstattung allein aus dem Luxemburger Wort wohl ein dreistes Abwiegeln. Mit „wurden aber nicht mehr weiterverfolgt“ soll der Leser abgelenkt und die Aussage im Gerichtsprotokoll wohl als unglaubhaft hingestellt werden. Die „Aussagen eines deutschen Historikers“ stammen aber von einem Karriere-Historiker, der sogar beim deutschen Bundestag beschäftigt war -eine renommierte Position, nach der sich Zehntausende arbeitslose Geisteswissenschaftler in Deutschland alle zehn Finger abschlecken- und der die Dimension seiner vor einem ordentlichen Gericht öffentlich zu Protokoll gegebenen Angaben vermutlich sehr genau einschätzen kann. Die Glaubhaftigkeit seiner präzisen Aussagen über den für das Oktoberfest 1981 Bomben bastelnden, inzwischen verstorbenen BND-Vater ist auch durch die ihm drohende Strafe mindestens wegen uneidlicher Falschaussage (sollte er gelogen haben), belegt.

Wenn solche brisanten Aussagen „nicht mehr weiterverfolgt“ wurden, könnte ein Journalist auch der reaktionären FAZ durchaus mal nachfragen: „Warum eigentlich nicht?“ Immerhin geht es hier um Bomben-Terror mit vielen Toten, der dieselbe Zeitung in helle Aufregung versetzt hatte, damals, als man die Leser noch glauben machen konnte, dahinter hätten Linksextremisten gesteckt. Statt Gladio-Terror und der Geheimloge P2 findet die FAZ „dubiose Geschäfte luxemburgischer Geheimdienstler mit Luxusautos“ viel bedeutsamer -subtil bebildert ist der Text mit einem Foto von Juncker vor einer schwarzen Luxuslimousine (s.o.).

Wer mehr über die brisanten Aspekte der Affäre wissen möchte, muss sich weit links im Medienspektrum umsehen. Dort erfährt man, dass der SREL seit Ende der 1980er Jahre die Bommeleeër-Ermittlungen  systematisch hintertrieben hat, um die Aufdeckung seiner Verstrickung mit „Gladio“ zu verhindern, und dass dabei über 80 Beweisstücke aus staatlichen Asservaten-Kammern auf mysteriöse Weise verschwanden. Auch dass man dem ermittelnden Generalstaatsanwalt eine Kindesschändungsaffäre anzuhängen versuchte und dass 2004 die Ermittlungen bei einer Hausdurchsuchung im SREL einen Akteneintrag des Gladio-Mitglieds Licio Gelli zu Tage förderten, der zum Zeitpunkt der Attentate in Luxemburg  war. Gespräche von Juncker mit einem Zeugen zur Gladio-Affäre wurden von SREL in mindestens sechs Fällen abgehört, aber als SREL-Chef Marco Mille Juncker-Belauschung gestand, deckte „Europas Dienstältester“ dies nicht auf: Die Inhalte seiner Gespräche und die Abhöraktion blieben „Verschlusssache“, so die RoteFahne, 11.7.2013. Viele FAZ-Leser werden dieses eher progressive Medium aber nicht kennen, ebensowenig wie die JasminRev. Schade. Dort könnten sie erfahren, was Juncker aus Sicht weniger betulicher Beobachter ist: „Ein skrupelloser Machtpolitiker des in Europa ansässigen internationalen Finanzkapitals.“ Auch dass der Finanzplatz Luxemburg durch die Ermittlungen des Untersuchungsausschusses ins Zwielicht geriet, wurde von der FAZ nicht groß diskutiert: Weder der SREL noch Juncker selbst hatten die Justiz verständigt, als sie 2006 davon erfuhren, dass der ehemalige Machthaber der Republik Kongo, Pascal Lissouba, 150 Millionen Dollar auf einem Luxemburger Konto hortet. Lissouba war zu diesem Zeitpunkt schon wegen Korruption zu 30 Jahren Haft verurteilt worden -es ging um einen 150 Mio-Dollar-Deal mit der US-Firma Occidental Petroleum.

Andere Medien haben weniger Glück bei ihrer Gladio-Berichterstattung, so ist bei Google seit Tagen noch das VoltaireNetwork gelistet, die Website selbst aber nicht mehr erreichbar:

GladioLuxembourg : Juncker contraint de démissionner Voltaire Network-11.07.2013 Inamovible Premier ministre du Luxembourg depuis 18 ans, Jean-Claude Juncker a présenté sa démission au Grand duc à l’issue de 7 heures 

Unsere Artikel zum Gladio-Skandal:

Stay behind-Gladio-Leak: Nach “Junge Welt” nun “Telepolis”

Gerd R. Rueger 01.05.2013 Luxemburg. Es brodelt im feinen Bankenstaat, üble Geheimdienstaktionen kommen ans Licht. Die deutschen Medien schweigen. Nach der Jungen Welt berichtet nun auch Telepolis von den Anschlägen der NATO auf sich selbst, die angeblichen Linksterroristen in die Schuhe geschoben wurden. Ein Strafprozess bringt Geheimdienstakten ans Licht, die von Sprengstoffanschlägen handeln. Machten Militärs […]

Luxemburg: Regierungskrise nach Gladio-Skandal

Gerd R. Rueger 08.07.2013 Der Gladio-Bombenleger-Skandal kocht weiter. Luxemburg ist reichstes EU-Land, Steuerbetrugsoase und jetzt auch als Geheimdienst-Schnüffel-Paradies enttarnt. Staatschef Juncker wird daher zum Rücktritt aufgefordert -ein Vorbild für US-Schnüffel-Skandale? Finanzgeschäfte und Spionage in großem Stil scheinen immer deutlicher zusammen zu hängen: Die Angelsachsen mit City of London, Wallstreet, Kanalinseln, Karibik bis USA/Delware haben PRISM. […]

Gladio-BND: SPIEGEL-Leser wissen weniger

Gerd R. Rueger 08.07.2013 Eine Rüge wert ist unser Polit-Meinungsführer-Magazin Nr.1, wo seit Beginn der Gladio-BND-Bombenleger-Affäre vor vier Monaten nichts zu lesen war. Zu Gladio findet sich dort überhaupt sehr wenig, seit 1990 scheint das Magazin dem Thema aus dem Weg zu gehen. Beim Münchner Oktoberfest-Anschlag hat der “Spiegel” (Bertelsmann) zwar schließlich die seit dem […]

Luxemburg: Juncker stürzt über Gladio-Affäre

Gerd R. Rueger 11.07.2013 Europas dienstältester Staatschef Juncker tritt zurück -die große Überraschung dabei: Bertelsmann lässt sein Polit-Flaggschiff “SPIEGEL” endlich darüber berichten: Die NATO-Geheimarmee Gladio wird erwähnt! Immerhin. Die Tagesschau traute sich das gestern nicht. Aber die Verwicklung des BND wird dem SPIEGEL-Leser weiter verschwiegen, ebenso das Gladio-Ziel: Linksextremisten als Terroristen hinstellen. Stattdessen wird eine […]

Juncker-Rücktritt: Tagesschau verschweigt weiter Gladio-Skandal

Gerd R. Rueger 12.07.2013 Die NATO-Geheimtruppe Gladio steht im Mittelpunkt der Luxemburgischen Regierungskrise. Dennoch verschweigt die Tagesschau, das wichtigste TV-Leitmedium im Land, was andere Medien längst berichten. Das Wort “Gladio” wird ebenso vermieden wie “Stay-behind”. Statt dessen langatmiger Infotainment-Video zu Junckers Gefühlen und dem Herzogssitz. Auch auf der ARD-Website keine Hintergrundinformation. Ein Medien-Skandal im Geheimdienst-Skandal. […]

Gladio-Skandal zieht Kreise: Licio Gelli und Geheimloge P2

Gerd R. Rueger 12.07.2013 Der Gladio-Skandal hat weitere Kreise gezogen als bislang bekannt wurde. Le Monde berichtet über Beziehungen der Luxemburger Staatsaffäre zur berüchtigten Loge P2 um Licio Gelli, Ex-Schwarzhemd und Freund der US-Regierungen Ford, Carter, Reagan, dem nie Verbindungen zum CIA nachgewiesen werden konnten. Der Chef der P2 (Propaganda Due) bereiste Luxemburg zur Zeit […]

5 Gedanken zu “Gladio-Skandal: Nur krümelweise Wahrheit

  1. Pingback: Der Gladio Skandal | Schnanky

  2. USA hat GLADIO kurz nach dem II Weltkrieg in Italien gegründet um dem Kommunismus zu bekämpfen. Mafia, Loge P2 (später)…(Berlusconi war auch Mitglied), Organisation Gehlen waren auch dabei, d.h. alles was faschistoid und kriminell ist und war, hat mitgespielt. Diese Entitäten haben nie aufgegeben, sie mischen immer noch mit. Man braucht noch zu schauen von wem Europa regiert wird, und welche „Werte“ bei uns das Sagen haben, wir sind soweit gekommen Kannibale und Kopfjäger in Syrien zu unterstützen. Über Gladio alles im Internet zu lesen, daher nichts Neues.
    mundderwahrheit – WorsPress.com

    • Na klar. Im Internet steht alles. Und auch das Gegenteil davon. Aber deshalb ist es trotzdem unbekannt -eben weil da zuviel steht, um es überblicken zu können, und weil Desinformation kaum durchschaubar dazwischen gemischt wird. Regine Igel kämpft z.B. seit Jahren auf Telepolis darum, zu beweisen, dass die Kommunisten genauso schlimm waren wie die NATO. Und dass die Stasi überall mit drin hing -mit ausgeklügelten Argumenten, die alle underground-infos berücksichtigen, die Nato-Kritik aber entschärfen sollen. Kostprobe:
      „Italienische Zeithistoriker – und hohe Verantwortliche der ehemaligen KPI selbst sprechen mittlerweile von einer „Gladio rossa“, die wie die westlichen Gladio-Geheimmilizen im Auftrag ihrer Regierungen einen Einsatz nicht nur für den Tag X einer Invasion einübten, sondern zur Destabilisierung der gesellschaftlichen Verhältnisse verdeckte Anschläge bereits im Hier und Jetzt vorsahen. Dies alles im Namen des Antikommunismus. Von alten Freunden der DDR und Stasi-Funktionären wird heute selbstredend geleugnet, dass es diese Geheimmilizen auch im Osten gab. Jede Regierung leugnet zusammen mit ihren Anhängern diese Art illegaler, paramilitärischer Organisationen…“
      R.Igel -Telepolis http://www.heise.de/tp/artikel/31/31921/1.html

  3. Die meisten Menschen sind leider zu faul um sich mit Geschichtsbüchern zu beschäftigen. Es soll klar sein, dass in Internet auch einseitige Informationen stehen. Nicht jeder ist in der Lage Bücher in fremden Sprachen zu lesen, die einigermaßen die Wahrheit entsprechen. Wenn man die Geschichte Italien kennt weiß wer hinter die Bombenanschläge, Putschversuche stand. Man wurde z.B. auch wissen, dass in der „Friedensvertrag“ zwischen USA und Italien eine geheim Klausel eingebracht wurde, die besagte, dass die „demokratische“ italienische Regierung Besonderen „Schutz“ und „Aufmerksamkeit“, an die „Kräfte“ die die USA gegen die faschistischen Italien geholfen haben, schenken sollte. Bei diese „Kräfte“ waren die „Faschisten“ die schon vor Ende des Krieges sich mit USA liierten (z.B. SS-General Wolf war immer dabei) und die MAFIA. Die Mafia hatte damit in Italien das Sagen. Dieses Krebsgeschwür, das inzwischen metastasiert hat, hat aus Italien eine Banane Republik gemacht. Noch schlimmer, um diese angebliche demokratische Gedanke zu verteidigen, wurden Nazi-Faschisten Kriegsverbrecher „Persil gewaschen“ in ihrem alten Posten wieder eingesetzt. Die die nicht mehr präsentabler waren wurden aufgehängt. Es gibt ein Buch „L’Armadio della vergogna“ von Franco Giulisi (Der Schrank der Schande) wo alle Kriegsverbrechen die die Nazifaschisten in Italien begangen haben, genau beschrieben werden, d.h. mit Zahlen und Fakten, wie die Dokumentation des Schrankes. Die USA, haben aufgrund der kalten Kriegen die Demokratie zu Grabe getragen, und das schon im Jahr 1945 wenn schon nicht früher.
    Das Buch heißt so, weil die gesamte Dokumentation über die nazifaschistischen Verbrechen, wurde erst in Rom 1996 (Militär-Tribunal) in einem Schrank gefunden. Italien wollte auch einem „Nürnberger“ Prozess veranstalten, aber man könnte nicht die neue Bundeswehr, im Kampf gegen Russland, mit „Kriegsverbrechen“ belasten die manche ihre Mitglieder in Italien begangen hatte…genau so wenig die Verbreche der italienische Faschisten, die man brauchte eben so was wie Gladio zu gründen, und so wurden alle Anklage-Schriften in den Schrank geschlossen und „vergessen“. So oder so, die USA können uns und die Welt alles verkaufen, ihre Produkte von Hamburger bis Coca Cola und Waffen sind „erstklassig“…aber die Demokratie und Werte wie Moral und Menschenrechte nicht. Kein Mensch kann verkaufen was er nicht besitz. Nur Betrüger verkaufen Sachen die sie nicht besitzen. Die Welt ist nicht perfekt, aber die USA umso weniger.
    mundderwahrheit WordPress.com

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